Ein ganzes Leben
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
18 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1933
„Weißt Du noch,“ so frug die EintagsfliegeAbends, „wie ich auf der StiegeDamals dir den Käsekrümel stahl?“
Mit der Abgeklärtheit eines GreisesSprach der Fliegenmann: „Gewiß, ich weiß es!“Und er lächelte: „Es war einmal –“
„Weißt du noch“, so fragte weiter sie,„Wie ich damals unterm sechsten KnieJene schwere Blutvergiftung hatte?“ –
„Leider“, sagte halb verträumt der Gatte.
„Weißt du noch wie ich, weil ich dir grollte,Fliegenleim-Selbstmord verüben wollte?? –Und wie ich das erste Ei gebar?? –Weißt du noch, wie es halb sechs Uhr war?? –Und wie ich in Milch gefallen bin?? – –
Fliegenmann gab keine Antwort mehr,Summte leise, müde vor sich hin:„Lang, lang ist’s her – – lang – – –“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 17–18, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein ganzes Leben“, Fassung 3.778.740 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.