Aus den Blättern eines Mönchs
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
156 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Das jüngste Gericht
Aus den Blättern eines Mönchs
Sie werden alle wie aus einem Badeaus ihren mürben Grüften auferstehn;denn alle glauben an das Wiedersehnund furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.
Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen,daß die Posaune deiner Reiche rief;und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:da steigen alle Zeiten aus den Steinen,und alle die Verschollenen erscheinenin welken Leinen, brüchigen Gebeinenund von der Schwere ihrer Schollen schief.Das wird ein wunderliches Wiederkehrenin eine wunderliche Heimat sein;auch die Dich niemals kannten, werden schreinund Deine Größe wie ein Recht begehren:wie Brot und Wein.
Allschauender, Du kennst das wilde Bild,das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.Durch Dich kommt alles, denn Du bist das Thor, -und alles war in Deinem Angesichte,eh es in unserm sich verlor.Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:
Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,das Deine reife Liebe nie erschuf,ein Rauschen ist es, nicht aus Deinem Ruf,ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,ein Schwanken, nicht in Deinem Gleichgewichte.Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffenin allen den geborstenen Gebäuden,ein Sichentgelten und ein Sichvergeuden,ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,und ein Betasten aller alten Freudenund aller Lüste welke Wiederkehr.Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,ziehn schwarze Vögel, die Du nie erschaffen,in irren Zügen hin und her.
So ringen sie, die lange Ausgeruhten,und packen sich mit ihren nackten Zähnenund werden bange, weil sie nicht mehr bluten,und suchen, wo die Augenbecher gähnen,mit kalten Fingern nach den toten Thränen.Und werden müde. Wenige Minutennach ihrem Morgen bricht ihr Abend ein.Sie werden ernst und lassen sich alleinund sind bereit, im Sturme aufzusteigen,wenn sich auf Deiner Liebe heitrem Weindie dunklen Tropfen Deines Zornes zeigen,um Deinem Urteil nah zu sein.Und da beginnt es, nach dem großen Schrein:Das übergroße fürchterliche Schweigen.
Sie sitzen alle wie vor schwarzen Thürenin einem Licht, das sie wie mit Geschwürenmit vielen grellen Flecken übersät.Und wachsend wird der Abend alt und spät.Und Nächte fallen dann in großen Stückenauf ihre Hände und auf ihren Rücken,der wankend sich mit schwarzer Last belädt.Sie warten lange. Ihre Schultern schwankenunter dem Drucke wie ein dunkles Meer,sie sitzen wie versunken in Gedanken,und sind doch leer.Was stützen sie die Stirnen?Ihre Gehirne denken irgendwotief in der Erde, eingefallen, faltig:Die ganze alte Erde denkt gewaltigund ihre großen Bäume rauschen so.
Allschauender, gedenkst Du dieses bleichenUnd bangen Bildes, das nicht seinesgleichenunter den Bildern Deines Willens hat?Hast Du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,die an Dir hangend wie ein welkes Blatt,sich heben will zu Deines Zornes Zeichen?O, greife allen Tagen in die Speichen,daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen, -vielleicht gelingt es Dir noch auszuweichendem großen Schweigen, das wir beide sahen.Vielleicht kannst Du noch einen aus uns heben,der diesem fürchterlichen Wiederlebenden Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,einen, der bis in seinen Grund ergrimmtund dennoch froh durch alle Dinge schwimmt,der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,der sich auf allen Saiten geigtund unversehrt als unerkannter Taucherin alle Tode niedersteigt.… Oder, wie hoffst Du diesen Tag zu tragen,der länger ist als aller Tage Längen,mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,wenn dann die Engel Dich wie lauter Fragenmit ihrem schauerlichen Flügelschlagenumdrängen?Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängenund Dir mit hunderttausend Augen klagen,und ihres sanften Liedes Stimmen wagensich aus den vielen wirren Übergängennicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.Und wenn die Greise mit den breiten Bärten,die Dich berieten bei den besten Siegen,nur leise ihre weißen Häupter wiegen,und wenn die Frauen, die den Sohn Dir nährten,und die von ihm Verführten, die Gefährten,und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:
die lichten Birken Deiner dunklen Gärten, -wer soll Dir helfen, wenn sie alle schwiegen?
Und nur Dein Sohn erhübe sich unter denen,welche sitzen um deinen Thron.Grübe sich Deine Stimme dann in sein Herz?Sagte Dein einsamer Schmerz dann:Sohn!Suchtest Du dann das Angesichtdessen, der das Gericht gerufen,Dein Gericht und Deinen Thron:Sohn!Hießest Du, Vater, dann Deinen Erben,leise begleitet von Magdalenen,niedersteigen zu jenen,die sich sehnen, wieder zu sterben?
Das wäre Dein letzter Königserlaß,die letzte Huld und der letzte Haß;aber dann käme alles zu Ruh:der Himmel und das Gericht und Du.Alle Gewänder des Rätsels der Welt,das sich so lange verschleiert hält,fallen mit dieser Spange.… Doch mir ist bange …
Allschauender, sieh wie mir bange ist,miß meine Qual!Mir ist bange, daß Du schon lange vergangen bist,Als Du zum erstenmalin Deinem Alleserfassendas Bild dieses blassenGerichtes sahst,dem Du Dich hilflos nahst, Allschauender.Bist Du damals entflohn?Wohin?Vertrauenderkann keiner Dir kommenals ich,der ich Dichnicht um Lohnverraten will wie alle die Frommen.Ich will nur, weil ich verborgen binund müde wie Du, noch müder vielleicht,und weil meine Angst vor dem großen GerichtDeiner gleicht,will ich mich dicht,Gesicht bei Gesicht,an Dich heften;mit einigen Kräftenwerden wir wehren dem großen Rade,über welches die mächtigen Wasser gehndie rauschen und schnauben -denn: Wehe, sie werden auferstehn.So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 1, S. 77–84, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aus den Blättern eines Mönchs“, Fassung 2.354.844 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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