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Versbuch

Requiem

Rainer Maria Rilke · 18751926

198 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1906

Clara Westhoff gewidmet

Seit einer Stunde ist um ein Ding mehrauf Erden. Mehr um einen Kranz.Vor einer Weile war das leichtes Laub … Ich wands:Und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwerund so von Dunkel voll, als tränke eraus meinen Dingen zukünftige Nächte.Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,nicht ahnend, daß da etwas wird,wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:daß etwas nicht mehr sein kann. Wie verirrtin nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,die ich schon einmal gesehn haben muß …

… Flußabwärts treiben die Blumen, welche dieKinder gerissen haben im Spiel; aus den offenenFingern fiel eine und eine, bis daß der Strauß nichtmehr zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nachHaus gebracht, gerade gut zum Verbrennen war.Dann konnte man ja die ganze Nacht, wenn einen alleschlafen meinen, um die gebrochenen Blumen weinen.

Gretel, von allem Anbeginn,war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,blond zu sterben.Lange schon eh dir zu leben bestimmt war.Darum stellte der Herr eine Schwester vor dichund dann einen Bruder,damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,welche das Sterben dir zeigten,das deine:dein Sterben.Deine Geschwister wurden erfunden,nur, damit du dich dran gewöhntest,und dich an zweien Sterbestundenmit der dritten versöhntest,die dir seit Jahrtausenden droht.Für deinen Todsind Leben erstanden;Hände, welche Blüten banden,Blicke, welche die Rosen rothund die Menschen mächtig empfanden,hat man gebildet und wieder vernichtetund hat zweimal das Sterben gedichtet,eh es, gegen dich selbst gerichtet,aus der verloschenen Bühne trat.

… Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?war es dein Feind?Hast du dich ihm ans Herz geweint?Hat es dich aus den heißen Kissenin die flackernde Nacht gerissen,in der niemand schlief im ganzen Haus …?Wie sah es aus?Du mußt es wissen …Du bist dazu in die Heimat gereist.– – – – – – – – – – – – – –Du weißtwie die Mandeln blühnund daß Seeen blau sind.Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind,welche die erste Liebe erfuhr,weißt du. Dir flüsterte die Naturin des Südens spätdämmernden Tagenso unendliche Schönheit ein,wie sonst nur selige Lippen sie sagenseliger Menschen, die zu zweineine Welt haben und eine Stimme –leiser hast du das alles gespürt, –(o wie hat das unendlich Grimmedeine unendliche Demut berührt).Deine Briefe kamen von Süden,warm noch von Sonne, aber verwaist, –endlich bist du selbst deinen müdenbittenden Briefen nachgereist;denn du warst nicht gerne im Glanze,jede Farbe lag auf dir wie Schuld,und du lebtest in Ungeduld,denn du wußtest: Das ist nicht das Ganze.Leben ist nur ein Teil … Wovon?Leben ist nur ein Ton … Worin?Leben hat Sinn nur verbunden mit vielenKreisen des weithin wachsenden Raumes, –Leben ist so nur der Traum eines Traumes,aber Wachsein ist anderswo.So ließest dus los.Groß ließest dus los.Und wir kannten dich klein.Dein war so wenig: Ein Lächeln, ein kleines,ein bißchen melancholisch schon immer,sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,das dir seit dem Tode der Schwester weit war.Als ob alles andere nur dein Kleid warso scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.Aber sehr vielwarst du. Und wir wußtens manchmal,wenn du am Abend kamst in den Saal;wußten manchmal: jetzt müßte man beten;eine Menge ist eingetreten,eine Menge, welche dir nachgeht,weil du den Weg weißt.Und du hast ihn wissen gemußtund hast ihn gewußtgestern …Jüngste der Schwestern.

Sieh her,dieser Kranz ist so schwer.Und sie werden ihn auf dich legendiesen schweren Kranz.Kanns dein Sarg aushalten?Wenn er brichtunter dem schwarzen Gewicht,kriecht in die Faltenvon deinem KleidEfeu.Weit rankt er hinauf,rings rankt er dich um,und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,regt dich auf mit seinem Geräusch;so keusch bist du.Aber du bist nicht mehr zu.Langgedehnt bist du und laß.Deines Leibes Thüren sind angelehnt,und naßtritt der Efeu ein …– – – – – – – – – – – – – –Wie Reihnvon Nonnen,die sich führenan schwarzem Seil,weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.In den leeren Gängendeines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;wo sonst deine sanften Schmerzensich begegneten mit bleichenFreuden und Erinnerungen,wandeln sie wie im Gebetin das Herz, das, ganz verklungen,dunkel, allen offen steht.Aber dieser Kranz ist schwernur im Licht,nur unter Lebenden, hier bei mir;und sein Gewichtist nicht mehr,wenn ich ihn zu dir legen werde.Die Erde ist voller Gleichgewicht,deine Erde.Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,schwer von den Gängen,die ich um ihn getan;Aengste aller, welche ihn sahn,haften daran.Nimm ihn zu dir, denn er ist deinseit er ganz fertig ist.Nimm ihn von mir.Laß mich allein! Er ist wie ein Gast …Fast schäm ich mich seiner.Hast du auch Furcht, Gretel?

Du kannst nicht mehr gehn?Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?Thun dir die Füße weh?So bleib wo jetzt alle beisammen sind,man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,durch die entlaubte Allee.Man wird ihn dir bringen, warte getrost, –man bringt dir morgen noch mehr.

Wenn es auch morgen tobt und tost,das schadet den Blumen nicht sehr.Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,sie sicher zu haben, mein Kind,und wenn sie auch morgen schwarz und schlechtund lange vergangen sind.Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehrunterscheiden, was steigt oder sinkt;die Farben sind zu und die Töne sind leer,und du wirst auch gar nicht mehr wissen, werdir alle die Blumen bringt.

Jetzt weißt du das Andre, das uns verstößt,so oft wirs im Dunkel erfaßt;von dem, was du sehntest, bist du erlöstzu etwas, was du hast.Unter uns warst du von kleiner Gestalt,vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Waldmit Winden und Stimmen im Laub. –Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:Dein Tod war schon alt,als dein Leben begann;drum griff er es an,damit es ihn nicht überlebte.

Schwebte etwas um mich?trat Nachtwind herein?Ich bebte nicht.Ich bin stark und allein. –Was hab ich heute geschafft?… Efeulaub holt ich am Abend und wandsund bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.Und meine Kraftkreist in dem Kranz.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Buch der Bilder 2. Buch Teil 12, S. 175–184, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
Digitalisat
de.wikisource.org — „Requiem (Rilke)“, Fassung 2.912.305 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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