Schmerzhafte Mutter
Paul Haller · 1882–1920
39 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
Nicht hier! den roten Kreuzen folgt der Weg,Der zur Kapelle führt. „Komm, Bruder, komm!Der Steig ist kürzer und mir junggewohnt.“So folg ich dir, und wohl, dein Pfad ist gut,Der lang und scharf das Tannendunkel spaltet.Die roten Kreuze sieh! da nahn sie wieder,Das letzte hier, das zur Kapelle weist.– Wie still der Ort. Der Linden AestekranzDes Laubs beraubt, ragt schüchtern in den Himmel,– Und laß die Sonne durch den Nebel brechen,So fällt kein Schatten auf die öde Bank.Hier laß uns ruhn! – Du schläferst. – Ich, ich träume.Wie still der Ort! Des Brünnleins dünnes PlätschernStört nicht die Hühner auf dem GartenhausDer nahen Wirtschaft, und des Knaben LaufVom Stall zur Küche, und des Hündleins Spielen;Das alles ist vielleicht nicht Wirklichkeit.Du Kirchlein hier, mit Säulenvorgebäu,Wie seltsam ragst du mir ins Aug, umschlungenVom Walde wie ein Kind vom Mutterarm!„Ja, sagst du, Gottes Mutter hütet mich.Schmerzhafte Mutter, sieh! sie bittet auchDen fremden Wandrer. Schenk ihr eine Gabe!“ –Wie tief der Nebel liegt! Wie fern das GlöckleinIm Tal sich regt, das kaum im heilgen KreisDen scheuen Tonschritt hinzusetzen wagt!Dort draußen, wo heut Menschensonntag ist,Wohnt auch ein Mütterlein; schmerzhafte Mutter,Am Grabe weinend, das den Gatten birgt.Maria, Mutter Gottes, die du einstDen Sohn ins Grab getragen, kennst du auchDen Schmerz, der um den toten Gatten ringt?Viel geb ich dir, wenn du ihn stillen kannst. –Wie still ist dieser Ort! Des Herzens SchlagStört der Gedanken leichtbeschuhten SchrittUnd wird zum Hammerschlag, der mich erweckt.Komm, Bruder, laß uns fröhlich weiter gehn!Doch eh wir scheiden, an des Kirchleins TürDer Mutter Gottes eine milde Gabe!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 33-34, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schmerzhafte Mutter“, Fassung 876.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
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