Streik
Paul Haller · 1882–1920
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Zwischen kahlen Mauern ringt im BetteEine Mutter mit den Sorgenstunden,Wartet fiebernd auf des Sohnes Taler,Auf die blanken, die er hart erschunden.
„Sterben, o wie selig! Aber leben,Leben muß ich für den einz’gen Jungen,Für den guten, der so oft des AbendsMeiner Not ein Hoffnungslied gesungen.“
Draußen schwillt die Straße von dem RauschenVieler Tritte. Dumpfe MännerstimmenHört sie schwirren zwischen engen GassenUnd zu ihrem Fenster aufwärtsklimmen.
Schwer und zornig schreitet’s auf der Stiege,Auf dem Gang, da tritt er in die Kammer:„Keine Taler, Mutter, keine Freude,Aber Hunger, Finsternis und Jammer!
Streik! wir streiken auf der ganzen Rhede!“Weinend sinkt sie, von des Sohnes ArmenFest umwunden, in zerwühlte Kissen:„O mein Sohn, nun soll sich Gott erbarmen!
Aber ich will fluchen deinen Freunden,Die der Frauen Leiden nie gelitten!“Und nun quält sie seine trotzige SeeleMit den mütterlichsten Liebesbitten,
Bis er geht. Er sieht die KampfgenossenFinster stehn und lauern. Sieht die andernSchüchtern unterm Schutz von hundert Helmen,Als Verfehmte auf die Arbeit wandern.
„Mutter, kehrt er wieder, deine TränenKönnen meine heiße Glut nicht dämpfen!Keinen Bissen will ich fürder essen,Doch mit meinen Brüdern laß mich kämpfen!
Für die tausend Brüder laß uns leiden,Die noch kommen. Kämpfen, leiden, hoffen!Bis der letzte Pfeil vom SorgenbogenEiner Mutter duldend Herz getroffen!“
Sieh! die kaltgehärmten HungeraugenFühlt er da in rascher Glut erwarmen:„Kämpfe für die Brüder! mich laß friedlichSterben hier in deinen Kindesarmen!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 63-64, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Streik“, Fassung 876.812 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.