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Versbuch

Abenteuer der Arbeit

Karl Kraus · 18741936

120 Zeilen in 30 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Was leicht mir in den Schoß fiel,wie schwer muß ich’s erwerben,bang vor des Worts Verderben.O daß mir dieses Los fiel!

Zuerst war’s in der Hand mir,dann wollt’ es sich entfernen,da mußt’ ich suchen lernen;es schwindelt der Verstand mir.

Das Wort hier ist ein Zunderfür das an jener Stelle.Gleich brennt die ganze Hölle.Das Wort ist mir ein Wunder.

Wie öffnet es die Lider,die sonst geschlossen waren.Hier gibt es nur Gefahren.Ich kenn’ das Wort nicht wieder.

Tausch’ ich es, wird’s mich täuschen.Wie es sich an mich klettet,seitdem ich es gerettetaus vielfachen Geräuschen.

Das was mir einfiel, hat mich,der ich’s nie haben werde,ich steh’ auf schwanker Erdeund setze selber matt mich.

Ich wähl’ im Zweifelsfallevon zweien Wegen beide.Ich röste mich am Leide,bin in der Teufelsfalle.

Ein unerschrockner Tadlerwill ich mir nichts erlauben,als aus dem reinsten Glaubenzu spielen Kopf und Adler.

Und wenn der Kopf aufs Wort kam,der Adler fällt getroffen –so blieb der Zweifel offen,ich weiß nicht, wie ich fortkam.

Wer mit dem Geist verwandt ist,in Bildern und in Schemendie Welt beim Wort zu nehmen –beim Himmel kein Pedant ist!

In sprachzerfallnen Zeitenim sichern Satzbau wohnen:dies letzte Glück bestreitennoch Interpunktionen.

Wie sie zu rasch sich rühren,wie sie ins Wort mir zanken –ein Strich durch den Gedankenwird mich ins Chaos führen ;

obgleich ein Strichpunkt riefe ,dem Komma nicht zu trauen :ein Doppelpunkt läßt schauenin eines Abgrunds Tiefe !

Dort droht ein Ausrufzeichenwie von dem jüngsten Tage.Und vor ihm kniet die Frage:Läßt es sich nicht erweichen ?

Wie ich es nimmer wage,und wie ich’s immer wende,ein Werk ist nie zu Ende –am Ausgang steht die Frage.

Und eh’ mein Herz verzage,den Ausgang zu erreichen,setz’ heimlich ich ein Zeichen –dem Zeichen folgt die Frage.

Es zündet immer weiterder Blitz, der mich zerrissen.Mein eignes besseres Wissenwill Antwort vom Begleiter.

Mit angstverbrannter Mienestock’ ich vor jeder Wendung,entreiß’ mich der Vollendungdurch eine Druckmaschine.

Wie schön ist es gewesen,am Wege waren Wonnen.Was heimlich süß begonnen,nun werden’s Leute lesen.

O Glück im Wortversteckedes unerlösten Denkens,Versagens und sich Schenkens –was bog dort um die Ecke?

Noch nicht erseh’n, ersehn’ ich’s.Vorweltlich Anverwandtes,eh’ ich’s gesetzt hab’, stand es,und nun mir selbst entlehn’ ich’s.

Entzückung fand der Gafferam tausendmal Geschauten.Aus tagverlornen Lautenerlöst er die Metapher.

Im Hin- und Wiederflutender holden Sprachfigurenfolgt er verbotnen Spurenposthumer Liebesgluten.

In Hasses Welterbarmungverschränkt sich Geist und Sachezu weltverhurter Sprachechiastischer Umarmung.

Wer sprechen kann, der lacheund spreche von den Dingen.Mir wird es nie gelingen,sie bringen mich zur Sprache.

Das Wort trieb mit den Windenund spielt mit Wahngestalten.Im Wortspiel sind enthaltenGedanken, die mich finden.

Wenn ich so weiter fortspiel’,vor solchem kühnen Zaudernwird es die Nachwelt schaudern.Denn alles war im Wortspiel.

Dem ewigen Erneuern,zum Urbild zu gelangen,entrinn’ ich nur, gefangenin neuen Abenteuern.

Durch jedes Tonfalls Fesselgehemmt aus freien Stücken,erlebt sich das Entrückenauf einem Schreibtischsessel.

Was leicht mir in den Schoßwie schwer muß ich’s erwerben,bang vor des Worts Verderben.O daß mir dieses Los fiel!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 21-25, Verlag der Schriften Von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Abenteuer der Arbeit (Kraus)“, Fassung 1.096.127 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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