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Versbuch

Christnacht

Karl Henckell · 18641929

110 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1921

Moderne Ballade aus der Zeit des Sozialistengesetzes

Der Kaiser rief: „Reserve her!Ins Glied, getreue Herden!Allein Gott in der Höh sei Ehr’!Schlagt an das Repetiergewehr,Und Friede sei auf Erden!“Choräle schallen in schimmernden Hallen,Der Pfaff schrie: „Jesus machte uns gleich.Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,In einer Krippe das Himmelreich!“

Der Engel zu Kommerzrats kamMit Atlaskleid und Schleppe,Mit Flittertand und Flatterkram,Dekolletiert und ohne SchamWie eine feine Schneppe.Bei Schnepfendrecke und AusterngeschleckeDer Börsenkönig sein Bäuchlein strich,Champagnerpfropfen knallten zur Decke –Jesus von Nazareth, freue dich!

Durch eisige Gassen schritt der WindIn weißem TotenkleideUnd mähte auf dem Weg geschwindEin ausgezehrtes BettelkindMit seines Messers Schneide.Pfiff um ein fadenscheiniges Dach,Fuhr durch den Schornstein ins Zimmer,Da tönte schwach durchs BodengemachEines Säuglings flehend Gewimmer.

Die Mutter trug ihn auf dem Arm:Wie stillt sie sein Verlangen?Ihr Auge hohl von langem Harm,Und Kinder rings, daß Gott erbarm!Mit kreidebleichen Wangen.Die Hungergeister tanzten den Reigen,Das Unheil hockt’ auf dem Ofenrost,Der Jammer hub an Krescendo zu geigen,Die Not fraß Spinnen als Vesperkost.

Da starrt der ausgesperrte Mann,Sah Weib und Kinder weinenUnd sann und starrte, starrt’ und sannUnd schrie die nackten Wände an:„Brot, Brot! Brot für die Meinen!“Weil mit eigener Hand für seinen StandEr gewählt nach Pflicht und Gewissen,Hat mit eigener Hand ihm der FabrikantSeinen Lohn vor die Füße geschmissen ...

Die Türe seufzte jämmerlich:Gebt Raum dem Polizisten!Der alte Scherge schämte sich:„Ausweisungsordre – dauert mich –Doch Ihr seid Sozialisten.“Tür kracht. Wie EisenrädergeschmetterBrach der gemarterte Lohnsklav los:„Fluch, Fluch! Ein höllisches DonnerwetterSchleudre die Schurken in Jesu Schoß!“

Wie wenn des Dampfes Schwall, gezwängtIn die metallne Fessel,Urplötzlich wild nach außen drängtUnd unaufhaltsam treibt und sprengtUnd zischend leert den Kessel:So schoß dem Eisendreher emporAus dem erzgepanzerten HerzenMit Zischen und Brausen ein brodelnder Chor,Der dampfende Gischt seiner Schmerzen.

„Die Ketten klirren Hohn und Spott,Die Ketten klirr’n im Nacken,Uns hilft kein Heiland, hilft kein Gott,Die Ketten klirren Hohn und Spott,Die Ketten klirr’n im Nacken.Zu feiernder Stund’, wo im WeltenrundHalleluja! die Engel trompeten,In des Elends Schlund wie ein räudiger Hund,Wie ein räudiger Hund getreten!“

Er schwang den Hammer in der FaustUnd wuchs empor, ein Grauen;Die Kinder vor dem Vater graust,Er schwang den Hammer in der Faust,Entsetzlich anzuschauen.Und wie von prophetischem Geist entbrannt,Im Hirne verheerende Gluten,Umspannt er des ältesten Knaben Hand,Seine Worte fluten und bluten:

„Ich hör’s und seh’s: das Rottuch weht,Im Sturmschritt die Kolonnen;Eilt, Brüder, eilt! – was kommt ihr spät?Hoch auf der Barrikade stehtDas Häuflein blutberonnen.Die Lücke schließt! Kartätschen prasseln,Des Kaisers Garden – Genossen, Sturm!Kommandorufe! Kanonen rasseln,Die Glocken heulen von Turm zu Turm.

Nun schwöre deinem Vater, Sohn,In heiliger Freiheit Namen,Zum Todeskampf mit Schmach und FronDen Eid der Revolution –Und sei kein Schurke! Amen.“Hohl heulte vermummte VerschwörergesängeDer Wind im Ofen mit dräuendem TonUnd trieb mit des Aschenvolks totem GemengeEine frische, fröhliche Rebellion.

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Der Scherge stieß sie vor sich herWie eine Hammelherde.Allein Gott in der Höh sei Ehr’! –Ein roher Knuff zur Wegeszehr –Und Frieden auf der Erde!Choräle schallen, Sektpfropfen knallen,Lump, stirb, verdirb, du roter Hallunk!Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,Dem Kanzler Fackeln und Minnetrunk!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Karl Henckell: Gesammelte Werke Bd. 2 München 1921 S. 54–58, J. M. Müller, München, 1921
Digitalisat
de.wikisource.org — „Christnacht (Karl Henckell)“, Fassung 3.780.350 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Henckell starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118835289 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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