Ich habe dich erwartet!
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
73 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1892
2.
„Ich habe dich erwartet!“ und herniederSchritt lächelnd er und griff nach meiner Hand –Entsetzen fuhr mir lähmend durch die Glieder,Und Aug’ in Aug’ hielt ihm mein Grauen stand.„Was schüttelt dich die Angst in meiner Nähe?Ich bin nur Einer aus der Riesenzahl!“Und freundlich grinste er – mir war, als säheIch dieses Grinsen nicht zum ersten Mal...„Du siehst, ich kreuz’ nicht unhold deine Wege,Sonst hätt’ ich deiner dort geharrt, wo schwülDie Zauber der Vergangenheit noch rege –Doch hier ist’s frei – und menschennah – und kühl –Nicht hat Tiberius das Licht zu scheuen,So lang’ ein Menschlein noch im Staube kreucht!Nichts blieb ihm zu beweinen, zu bereuen,Als etwa... doch, tritt hieher! Sieh, mir däucht,An jener Stelle wär’ einst Blut geflossen!Ein holder Knabe war’s: blondlockig, keck...Auf jedem Pfad blüht’s hier von Purpur-RosenUm mich – sieh dorthin nur! Welch’ schöner Fleck!“Mein Herz stand stille; nur ein dumpfes BrausenUnd Hämmern dröhnte quälend mir im Ohr –Sein Auge letzte sich an meinem Grausen,Dann nickte er, hob meine Hand emporUnd sprach: „Ihr habt das Kreuz auf euch genommen,Und schändet, mordet, haßt und schwelgt nicht mehr –Ihr? Haha!“ und dürft nun schaudern kommenUnd aufseufzen: „Hier wüthete Tiber!“
Ihr? Hahaha!“ und von den Felsen gellteUnd sprang sein Hohngelächter schrill zurück:Es war, als ob ein Stein daran zerschellte,Ein spitzer Stein – abbröckelnd Stück für Stück...„O wie ich euch veracht’! Wie ich euch immerVerachtet habe!“ und sein AugenpaarDurchflog ein irres, grünliches Geflimmer,Im Winde flatterte das nächt’ge Haar. –„Ihr seid – dieselben noch! noch ist die LügeEin Gottesdienst und Dünkel der Altar –Einfraß in euer Hirn, in eure ZügeSich ihrer Nothzucht Schandmal! Nichts ist wahrAm Menschen, als die Frechheit, ihr zu dienen!Verdammt ihr noch den blutigen Tiber,Deß’ Gräuel diese traurigen RuinenErzählen, ragend über Land und Meer –Dann wißt: er sloh hieher, um nicht zu scheinen,Was er nie war! Der bess’re Mensch hat hierGehaust, gewüthet... einer eurer „Reinen“Warf hier die Maske ab und ward – ein Thier!Und wälzte sich wie ihr im geilen BadeDer Lust – nur zeigte er auch seinen Schmutz –Und haßte, würgte, ohne Wahl und Gnade –Nur bat er nicht wie ihr um Gottes SchutzDazu! Nur heuchelte er nicht Erbarmen,Wo schadenfroh sein Herz auflachte – nurZwang er sich nicht, den Gegner zu umarmen,Wenn er den Tod ihm wünschte, und NaturZu leugnen, wenn sie ihre BestientatzenIn’s Fleisch ihm grub mit wollüstigem Schmerz –Ihr zeigt stets weiche Hände, glatte Fratzen –Die Tigerkrallen wuchsen euch in’s – Herz!Ich war Tiber und hatt’ den Muth, es bleibenZu wollen! Dies allein ist’s, was uns trennt –
Ich war ein adlig Thier... mein Schwelgen, TreibenVermacht’ ich euch, daß ihr einst schaudern könntUnd – mir nach-wüthen in geheimen Stunden,Wenn euch kein And’rer sieht, als euer Gott...Ich neid’ ihm nicht das Volk, das er gefunden!“Und wieder grinste er – satan’schen SpottUnd Hohn im tigerhaften Angesichte;Dann wies er siegreich über Land und MeerUnd rief: „Er lebt nicht nur in der Geschichte,In jeder Menschenbrust lacht ein Tiber!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 123-125, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ich habe dich erwartet!“, Fassung 602.044 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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