Die Jahreszeiten
Frank Wedekind · 1864–1918
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Genieße, was die Jahreszeit mit sich bringt;Radieschen, Erdbeeren, grüne Erbsen und Pflaumen;Was der Veränd’rung in Sonne und Luft entspringt,Ist stets das beste für deinen gebildeten Gaumen.
Radieschen knackt man, wenn man noch jung und keuschUnd sich noch die ersten Zähne nicht ausgebissen;Die prallen Bäckchen zerbersten mit lautem Gekreisch,Die Zunge schwelgt in unsäglichen Bitternissen.
Erdbeeren aus Wald und Garten, wie duften sie fein,Die großen voll Saft, die kleinen sind mir noch lieber;Ich mache sie trunken zuvor mit gezückertem Wein,Pechvögel nur erkranken am Nesselfieber.
Die grünen Erbsen brauch’ ich schon gar gekocht;Die tolle Jugend allein frißt sie aus den Schoten.Ich habe sie stets nur gepfeffert zu kosten vermocht,Und neuerdings auch hat sie der Arzt mir verboten.
Die üppigen Pflaumen des Herbstes genieß’ ich fast nurAls Mittel zum Zweck bei unbehaglicher StauungIm Unterleib statt Karlsbader Brunnenkur;Es gröhlen die Därme im Chor den Gesang der Verdauung. –
Noch manches wäre notwendig hier beigedruckt,Wie Mammut-Trüffeln, die aus Thessalien stammen;Doch hab’ ich den ganzen Hymnus schon vollgespuckt,So läuft mir dabei das Wasser im Munde zusammen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Jahreszeiten“, Fassung 3.513.742 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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