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Versbuch

Wär’ ich gestorben!

Louise Otto-Peters · 18191895

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Wär ich gestorben in der Kindheit TagenAls ahnungsvoll mein erstes Lied ich sang,Indeß im Marsellaisenwirbel-SchlagenDas Freiheitsjauchzen meines Volkes klang,Wo ich versteckt in meiner stillen ZelleBegeistrungsvoll den Sieg des Fortschritts pries,Und wo der Neuzeit morgenrote HelleEin träumrisch Kind zur Sängrin werden ließ.

Wär ich gestorben, da mich der umfangenDer mir der Liebe Götterkraft gelehrt,Beim ersten Kuß auf meine bleichen WangenBeim ersten Liebeswort, das ich gehört –Da schwebten alle Himmel zu mir nieder,Da lächelten mir alle Engel zu!In seinem Herzen fand ich meines wiederIn seinem Arm allein der Sel’gen Ruh.

Wär ich gestorben als mit freien LiedernMich einst begrüßt ein deutscher Sängerchor,Wo ihre Stimmen mir sich zu verbrüdernDurch nächt’ge Stille schallten laut empor;Daß ich es fröhlich durfte nun erkennen:Was ich gestrebt mit redlich frommen Sinn,Was ich gethan mich Deutschlands wert zu nennenDie deutsche Jugend nahm es fröhlich hin!

Wär ich gestorben in der Töne WetternBeim Freudenchor der neunten Symphonie,Wo Menschen werden zu lebend’gen GötternIn dem Titannensturm der Poesie;Wo Flammenblicke in das Herz mir glühtenZu gleicher jubelnder Begeisterung!Wo neue Paradiese mich umblühtenUnd in den offnen Himmel war ein Sprung –

Wär ich gestorben als Du mich, PoeteVon Gottes Gnaden, Schwester hast genannt,Des klagend Lied und dessen freie RedeIn meinem Herzen lautes Echo fand,Und als Du selber lauschtest meinem SangeWie einer liebgewordnen Molodie,So lauscht der Strom auf seinem weiten GangeDer nahen Quelle und dem Strom lauscht sie.

Wär ich gestorben – doch es ist vergebens –Nicht in den Stunden reiner Seligkeit,Nicht in der Fülle eines kühnen StrebensNaht uns der Tod und findet uns bereit!Erst muß vorbei die stolze Stunde rennenIn der wir zweifellos uns selbst geglaubt,Erst muß die heil’ge Flamme niederbrennen,Der Kranz verdorren der uns frisch umlaubt!

Erst müssen wir auf Gräbern wandeln lernenUnd unser Herz muß werden selbst ein Grab;Die leuchtendsten von unsres Glückes SternenSie müssen vor uns sinken bleich hinab,Erst wenn wir einsam unter Trümmern stehen,Entlaubte Bäume unter Eis und Schnee,Dann dürfen langsam wir zum Tode gehen,Doch ohne Jubel, ohne Abschiedsweh.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 120-122, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wär’ ich gestorben!“, Fassung 2.316.976 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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