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Versbuch

Dem Vater Jahn

Louise Otto-Peters · 18191895

57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

1844.

Mein Deutschland war zertreten und verachtet,Zerrissen und ein Spielball fremder Mächte,Das deutsche Volk von Sklaverei umnachtetUnd selber seine Fürsten waren Knechte,Da that es not aus seinem Schlaf es wecken,Da that ein Wort voll deutschen Sinnes not,Da war es Zeit ihm seine Schmach entdeckenUnd jede künft’ge die ihm droht.

Da riß Verzweiflung stürmisch in die SaitenDer Harfen, die an deutschen Eichen hangen.Da galt’s mit Worten, wie mit Thaten streitenUnd auch die Dichter kämpften wie sie sangen.Und deutsche Kraft galt’s in der Jugend nähren:Das Volk stand auf – „der Sturm bricht los –“ brach los!Das war das Werk den deutschen Sinn zu nährenUnd deutsche Kraft wuchs riesengroß!

Der Tapfren viele sind im Kampf gebliebenDer deutschen Jugend Führer fehlen viele,Doch fehlt darum nicht unser brünstig LiebenFür sie, die uns gezeigt den Weg zum Ziele;Für sie, die aus der Hand die Fahne geben,Damit die Jugend unsrer neuen ZeitSie selber lerne triumphierend hebenZu neuer Siege Herrlichkeit.

So rauschte jetzt, gleich wie durch mächt’ge EichenEin Abendwind erinnrungsflüsternd geht,Dein Name aus den Blättern, aus den ZweigenDarin der Geist der neuen Zeiten wehtUnd an dem stillen Abend Deines LebensBezeugt es Dir die deutsche Nation:Du lebtest nicht, für sie auch nicht vergebens,Der Deutsche ist auch jetzt dein Sohn.

Drum fühlt ich stolzer jetzt das Herz mir schlagenAls ich Dein väterliches Wort empfangen;Du wolltest mir den Segen nicht versagenZu meines Strebens brünstigem Verlangen;Gleich wie dem Epheu an der Säule Fuße,Die eines Tempels Hallen trägt und schmückt,Vor seinem Eingang mit lebendgem GrußeDie hohe Eiche flüsternd nickt.

Der deutschen Einheit und dem deutschen SinneIst solch ein heilger Tempel aufgerichtet.Du grüßt als mark’ge Eiche seine Zinne,Ich hab als Epheu mich an ihn gedichtet.Und lustig will ich um die Säulen steigenUnd fröhlich spielen mit dem grünen Kranz:Den deutschen Schwestern will ich Deutschland zeigen,Des deutschen Vaterlandes Glanz.

Du wollst dein Volk als deutsche Männer sehenUnd deutsche Männer sind dem Volk erstanden –Doch ich will meines Deutschlands Töchter flehen,Die ab den Blick vom Vaterlande wandten,Ich will sie flehn, dies Vaterland zu ehrenMit aller Kraft der Herzen stark und reinBis sie mit Stolz es ihrem Volke schwören:Wir wollen deutsche Mädchen sein!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 52-54, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Dem Vater Jahn“, Fassung 3.468.706 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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