Zum Inhalt springen
Versbuch

Vom Dorfe

Louise Otto-Peters · 18191895

59 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(12. August 1845. Gohlis bei Leipzig).

I.

Still ist’s im Dorf – der letzte ErntewagenEr schwankte eben voll und schwer herein;Die Abendglocken haben ausgeschlagen,Die Sonne sank mit sanftem Purpurschein.Es ist ein Abend, recht wie ein Idyll,Wo in der weiten Runde Alles still,Und nur der Heimchen alte FlüsterweisenDen Tag, der nun vollendet, selig preisen.

Die Mondessichel hängt am Firmamente,Die Sterne wandeln den gewohnten Gang,Wie da man sehnend dorthin hob die Hände,Und noch vom Mondschein blasse Lieder sang.So steh ich einsam in des Gartens Ruh,Seh ruhig nur den bunten Blumen zu –Erinn’rung führt zu weit vergangnen Tagen,Der Kindheit Buch liegt vor mir aufgeschlagen.

Still ist’s im Dorf – doch plötzlich welch BewegenGeht durch die Luft, die still zu stehen schien?Ich will das Haupt dicht an die Erde legen,Daß in das Ohr des Schalles Wellen ziehn.Es klang wie Jagdruf und wie Büchsenknall,Wie tausendfacher Menschenstimmen Schall – –Nicht möglich! – nein – ein Wahn hat mich bethört,Wie würde hier und jetzt ein Schuß gehört?! –

II.

Und doch geschah’s – die Ernte ging zu Ende,Im stillen Dorf beim letzten Abendrot.Doch dort – doch dort gab es noch fleißge Hände,Und eine andre Ernte hielt der Tod.Die Sonne hat es wohl voraus gesagtUnd hat die Nacht als blutig schon verklagt,Als mit dem Purpurmantel weit umhangen,Der schöne Tag zur finstern Ruh gegangen.

Traun, dieser Nacht, da gab’s nicht sanfte Träume,Es ward ein Schauerdrama aufgeführt –Da gab’s viel Volk und weite Bühnenräume,Und manche Brust im innersten gerührt,Und manches Herz, das plötzlich stille stand,Und manche Seele, die zum Himmel schwand,Und manchen Schrei, der, wenn auch hier verwehret,Vor Gottes Throne ward gewiß gehöret.

Das war kein Girren holder Nachtigallen,Kein Heimchenzirpen, das so spät erklang!Nur Hilferuf hört man zum Himmel schallen,Das schönste Lied war manches Schwanensang.Das schönste Lied – Ihr macht es nicht zum Spott,Denn: „Eine feste Burg ist unser Gott!“Und ließ er auch die nächt’ge That geschehen,Wir bleiben doch in dem Vertrauen stehen.

Die Mondessichel schied vom Firmamente,Die Sterne wandeln den gewohnten Gang,Sie sahn herab auf hoch erhobne Hände.Zum Jammerruf, der sich der Brust entrang,Die Nacht hat wohl für Klagelieder Raum,Doch keinen mehr zu einem sanften Traum,„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ tönt’s wieder,Wir singens doch, das schönste unsrer Lieder!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 94-96, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vom Dorfe“, Fassung 638.547 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Louise Otto-Peters

Alle Gedichte von Louise Otto-Peters ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Biedermeier und Vormärz

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.