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Versbuch

Sonette

Louise Otto-Peters · 18191895

60 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1893

I.

Du weißt, wie ich in meiner Kindheit Tagen,Die wie ein Märchen traumdurchwebt verronnen,Ein hohes Bild den Dichtern abgewonnen,Die mich erquickt mit ihren Heldensagen.

Ein Ritter, der die Laute bald geschlagen,Und bald das Schwert geführt, kühn und besonnen,Mit goldnem Haar und blauer Augen Bronnen –Es war Dein Bild, das ich in mir getragen!

Wie ich Dich sah – da stand es vor mir wieder,Verwirklicht waren die Heroen-Lieder,Die ich als Spiel der Phantasie verklagt.

Fast sank die stolze Jungfrau vor Dir nieder,Und daß Du selbst ihr Deine Lieb’ gesagt,Das hatte sie zu denken nie gewagt!

II.

Entsetzt lag ich vor Deinen Eisengittern,Weil ich umsonst gestrebt Dich zu erretten,Indes sie Dich auf hartem Pfühle betten.Trank ich den Kelch der Leiden still, den bittern.

Doch hört ich auf zu bangen und zu zittern,Wallfahrend zog ich zu den Kerkerstätten,Und Liebes-Rosen wandt ich in die Ketten,Und Sonnenaufgang folgte den Gewittern.

Ein neuer Himmelsruf war mir ergangen:Den Heldenkämpfer, der so lang gefangen.Empor ob allem irdschen Leid zu heben,

Ich durft ihn aus dem Kerker nicht befreien,Ich durfte mehr: den Kerker selber weihen,Dem Dichtergeiste neue Schwingen geben.

III.

Mir ist so froh, mir ist so leicht zu Sinnen,Und doch trennt uns des strengen Kerkers Gitter,Und zeigt mir ganz, wie das Geschick so bitter,Das mich nach kurzem Gruße treibt von hinnen.

Das ist die Macht im selig süßem Minnen,Wie es mit Dir mich eint, mein holder Ritter!Da wird der Schmerz zum fliehenden GewitterVon dem die Fluren Segen nur gewinnen!

Der Himmel über uns er bleibt uns offen,Die Sonne bleibt in ihrem Glanze thronen,Und Märzenluft, die kündet Frühlingszeit!

Drum laß nicht ab vom Gottvertraun und Hoffen:Der Liebe schönste ParadieseszonenErwarten uns noch so viel Qual und Leid!

IV.

O sage nicht, daß draußen Lenz und LebenUnd Glück und Freiheit ihr Panier entfalten,Ich sah die Welt sich anders ganz gestaltenSeit diese Kerkermauern Dich umgeben!

Laß mich auf Flügeln an Dein Gitter schweben –Die Menschheit ist was wir von ihr gehalten;Hoch ob uns allen herrscht des Schöpfers Walten,Der heute stürzt und morgen kann erheben!

Doch über allen Hader unermessen,Der noch die Welt zerwühlt mit spitzen WaffenVom Sonnenaufgang bis zum Niedergange:

Ward doch das ew’ge Werde nicht vergessen,Das jedem Herzen seine Welt erschaffen.„Ich liebe Dich!“ spricht es im Jubelklange.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 156-158, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Sonette II (Louise Otto)“, Fassung 3.534.333 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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