Sonnenaufgang
Louise Otto-Peters · 1819–1895
28 Zeilen · zuerst gedruckt 1893
Ein Morgen kam – ich starrte himmelanUnd sah die Sonne auf der Rosenbahn.Ein Regenbogen schien sich aufzubauenGleich einer Brücke in das Himmelreich,Gleich einem Dom ob niedren Erdenauen,Doch Dom und Brücke ward dem Herzen gleich.In Jenen trat’s mit Beten und mit SingenIm Gottesdienst zur Sonne sich zu schwingen,Auf diesen schritt es siebenfach umwobenZur Sonne selbst, sich frei ihr zu geloben.So war der ganze Himmel vor mir offen!Und in mich selbst schaut ich erstaunt, betroffen.Da war mein Herz zu einem Garten worden,Zwei Friedenspalmen standen an den Pforten –Und drinnen, welch ein Drängen, welch ein Treiben!Viel tausend Blüten lieblicher GefühleErwachen aus des Morgentaues Kühle,Kein Knöspchen will in seiner Hülle bleiben.Es ist ein Sprossen, Streben auf zum Licht:Und jede Hoffnung ist ein LobgedichtUnd jeder Wunsch ein glühend Minnelied! –Inmitten diesem seligen GebietIst mir der Liebe Sonne aufgegangen.So bringt das Herz sich ihr voll Weihe dar.Nach keinem Himmel mag es mehr verlangenAls den, der jetzt ihm plötzlich offenbar,Denn schön und rein wie heller SonnenglanzErfüllt der Liebe Seligkeit es ganz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 10-11, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sonnenaufgang“, Fassung 638.540 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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