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Versbuch

Allein

Louise Otto-Peters · 18191895

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Allein, allein! – die Liebe ist begraben,Ich selbst bin nur die bleiche Trauerweide,In deren Zweige sich verwandelt habenMein Liebesjubel, meine Liebesfreude!Und was mich sonst an andre Herzen bandMich hieß als Epheu einen StammDas hab ich all als nicht’gen Traum erkannt:Der Epheu muß allein im Freien schwanken.

Allein, allein! doch Du bist mir geblieben,Die mit dem Kind zu Spiel und Fest gegangen,Die für der Jungfrau frühlingselig LiebenDie Töne fand, die nur von Liebe klangen!Du, die mir ihren Zauberstab verliehDie Nacht zu hellen, wo sie mich umdunkelt –Du bist mir treu, bist mein, o Poesie!Sei auch der Stern, der diese Nacht mir funkelt!

Ja, sei ein Stern an meinem AbendhimmelSei du mir selbst ein milder Hesperus,Doch in des Lebens, in der Zeit GewimmelStrahl Andern mit des Morgensternes Gruß!Ob abendlich mein Aug’ in Thränen tautOb in mir Nacht – was brauchts die Welt zu wissen?Die Welt, für die ein neuer Morgen graut,Der sie aus Traum und Schlummer aufgerissen?

Und diesem Morgen jauchz auch ich entgegen,Wo wir der Freiheit Sonnenaufgang feiern,Den heißen Erntetag, wo reichen SegenVon langer Saat wir sammeln in die Scheuern.Das Los, das einer jungen Blüte fiel –Wer wird nach dem bei solcher Ernte fragen?Ob sie verwelkt, geknickt an ihrem Stiel –Nehmt sie zum Festkranz auf den Erntewagen!

Nein, nicht allein! – will mich auch niemand lieben,Will niemand meines Herzens Qual verstehen,Muß jedes Band zerreißen und zerstieben,Weithin zerflatternd in die Lüfte wehen.So nehm’ ich dieses Herz, das ungezähmteUnd leg es meinem Vaterland zu Füßen –Das sich um eines Menschen Schicksal grämteDies Herz soll nur dem Ganzen sich erschließen,

Und an die Armen sei’s dahin gegeben,Die obdachlos vor prächtgen Häusern stehen,Und hungerbleich die leere Hand erheben,Auf die verächtlich stolz die Reichen sehen;Die kleine Münze, die ich euch kann gebenIhr Armen lindert wenig Euren Schmerz –Doch hör’ ich Euer Rufen, Euer Flehen,So fleh ich Euch: nehmt Ihr, nehmt Ihr mein Herz!

O könnte ich aus allen Euren JammernAus allen Freveln, die an Euch geschehenAus aller Not in Euren öden KammernVor denen Laster als Versucher stehen:Könnt ich ein Lied aus diesem allen webenUnd könnt es laut auf allen Gassen singen,Da sollten wohl viel starre Herzen beben,Viel Augen übergehn, viel Ohren klingen.

Nein, nicht allein! ich will nicht fürder träumenVom eitlen Herzen, das nach gleichem strebte!Will „Herz und Schmerz“ nicht – „Not und Brot“ nur reimenUnd will es büßen, daß ich selbst mir lebte.Mir giebt des Himmels Gnade doch die LiederWenn er mir auch verweigert Gut und Gold.Was er mir giebt – den Armen sei es wiederMit treuem Sinn als Liebespfand gezollt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 30-32, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Allein“, Fassung 628.348 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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