Auf dem Kynast
Louise Otto-Peters · 1819–1895
64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Die Wolken hingen vom Gebirge niederGespenstig ziehend um den finstern Wald,Dampfende Nebel dehnten RiesengliederIn grau und schwarz mit seltsamer Gestalt;Doch hob sich draus auf waldumkränzter HöheDie alte Veste stolz und kühn hervor,Daß sie die Wolken sich zu Füßen seheAls Weihrauch sie des Nebels Ziehn erkor.
Und durch die Nebel schritt ich ihr entgegenUnd durch die Wolken eilte ich ihr zuAuf feuchten moosbedeckten WaldeswegenZu des Gebirges stiller Totenruh.Bald klomm ich zu des Kynast höchstem WalleUnd ließ die Blicke schweifen in die Runde –Da fuhr ich auf von eines Seufzers SchalleUnd vor mir stand sie – Fräulein Kunigunde
„Viel Ritter kamen einst um mich zu werben,Weil meine Schönheit, weil mein Gold sie zog;Ich aber wollt als freie Jungfrau sterben,Wenn nicht die Lieb mir mehr als Freiheit wogDrum sann ich, mich der Werber zu entschlagen,Ein listiges ein finstres Mittel aus –Sein Leben dacht ich würde keiner wagen,Für mich nicht wagen einen blut’gen Strauß.
Doch kamen sie um Ruhm sich zu erringen,Den Ritt zu wagen um des Walles Ring.Doch konnte keinem je die That gelingenUnd einer nach dem andern unterging.Da kam der eine, der mein Herz bezwungen,Daß es für ihn in heißer Liebe schlugIch rief und hielt sein Knie ihm fest umschlungen„Hier meine Hand – Halt ein! es ist genug!“
Er aber stieß mich fort und sprengt zum RandeUnd ihm gelang der unheilvolle Ritt –Dann höhnt er mich, „Das that ich dir zur Schande,Zur Rache jedem, der hier Tod erlitt!“Im Zorne schön noch wie ein Rachegott,So sprach er es mit heldenstolzen Trieben –Da trug ich still der Andern Hohn und Spott,Doch trug ich nimmer das verratne Lieben!
Und wo der andren Ritter Leichen lagen,Da eilt ich selber mir das Grab zu betten –Nun muß ich nächtlich umgehn noch und klagenUnd Flüche hören an den öden Stätten;Und war es doch mein einziges Verbrechen,Nicht ohne Lieb zur Sklavin mich zu machen! –Das wollten nur die stolzen Männer rächen,Das ist’s, was sie noch heut an mir verlachen!“
Das ist’s rief ich, das wird noch heut beschworen –Wir sind ja nichts – sie sind die Herrn der Welt.Es wird das Weib zur Sklavin nur geboren.So heißt der Spruch, das Urteil ist gefällt.Und weh dem Weibe, das sich kühn vermessenUnd wo es liebt, sich liebend zu ergeben,Das nennt man thöricht nennt man pflichtvergessen,Nie fehlt die Hand den ersten Stein zu heben.
Und weh dem Weibe, das sich kühn erhobenUnd frei nach einem andern Ziele strebt,An einem andern Altar zu gelobenEin höhres Fühlen, das sein Herz durchbebt.Und weh dem Weibe, das mit festen SchrittenSich ob der Knechtschaft Schranken stolz erhebt –Ich weiß es, was ein solches Weib gelitten –Ich weiß auch: nicht umsonst hat es gelebt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 106-108, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Auf dem Kynast“, Fassung 634.915 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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