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Versbuch

An Georg Herwegh

Louise Otto-Peters · 18191895

49 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1893

1843.

„Aber wollen mich die MännerNicht verstehn, die schwerverirrten,O so höret Ihr mich FrauenTraget Ihr ein Schwert in Myrten,Denn mich dünket: Frau und freiNicht so fremd einander klingenDiese Worte, diese zwei.“G. Herwegh.

Und den Ruf hab ich vernommen aus dem kühnen DichtermundeUnd ich nahm das Wort zu Herzen, nahm es für Prophetenkunde,Fröhlich will das Schwert ich tragen, fröhlich für mein Volk es schwingen,Jubelnd deutsche Schlachtenlieder, unserm Feind entgegen singen.

Nicht die Kraft ein Schwert von Eisen in der schwachen Hand zu zücken,Nicht der Mut aus tiefen Wunden blutge Blumen uns zu pflücken.Nicht die Kunst den Blitz zu lenken aus dem mörd’rischen Geschoß –Solches ward uns nicht gegeben, solches nicht der Frauen Los.

Aber wenn Ihr zieht zum Streite für des Vaterlandes Rechte,Sticken wir die Freiheitsfahne, die Euch leitet im Gefechte,Schlingen wir um Eure Schultern, schöngewebte KriegerbindenSind es wir die Eure Wunden pflegen, Eure Lorbeern winden.

Doch so lang Ihr Euch nicht rüstet, eine Freiheitsschlacht zu schlagen,Für die höchsten Menschenrechte eine kühnen Strauß zu wagen,Doch so lang noch Eure Waffen in der engen Scheide bleiben,Werden wir es denn vermögen Euch hinaus ins Feld zu treiben?

Alle Mädchen müssen schwören keinen, keinen Mann zu minnenDer nicht für die Freiheit stritte seinem Volk sie zu gewinnen.Wie Frau Gertrud einst gesprochen, müßten alle Frauen sprechen,Als sie Stauffacher den Gatten, hieß der Schweizer Knechtschaft brechen.

Also, also müßt es werden, könnt ich meiner Schwestern HerzenSo begeistern wie ich selber, fühle meines Volkes Schmerzen.Könnte ich die kalten Herzen, die nur kleine Qual und FreudenFüllen und in Schlummer singen, könnt ich sie zum Großen leiten.

Was vermag ein deutsches Mädchen, still und arm in enger Zelle,Aber frei gleich wie vom Berge niederschäumt die freie Quelle –Aber singend wie das Vöglein, das sich wiegt in blauen Lüften,Aber feurig wie der Blitzstrahl, kommt aus dunklen Wolkenklüften:

Was vermag ein solches Mädchen, dies zu schaffen will ich strebenFür die Freiheit für den Fortschritt weihe ich mein ganzes Leben.Denn mein Herz kennt nur ein Sehnen, nur ein stetig VorwärtsringenUnd dem Vaterland gehört es und der Freiheit will ich singen.

Singen, denn im Kampf mit Liedern, denn im Kampf mit kühnen Reden,Darf auch ich, die Fahne tragend, zu den Gleichgesinnten treten,Darf mit heil’gem Eide schwören, nimmer mich von ihr zu trennen,Darf der kriegerischen Muse treu ergebne Magd mich nennen.

Und auf meine Kniee sink’ ich – über mir die Fahne wehet:Bis das Vaterland vereinigt und mit neuem Glanz erstehet:Schwör ich brünstig im Gebete – will ich nicht vom Banner weichen,Bis die Frauen gleich den Männern ihrer Heimat wert sich zeigen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 46-49, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „An Georg Herwegh“, Fassung 638.488 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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