An Ludwig Börne
Louise Otto-Peters · 1819–1895
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Es war oft Brauch in alten frommen ZeitenDaß eine heilge Lampe ward entzündetAuf ein geliebtes Grab ihr Licht zu breiten,Ein Liebeslicht das nimmermehr entschwindetMit seiner Wehmut sanftem Silberscheine.Fürwahr! ich möchte gern den Brauch erneuenUnd Liebesschimmer auf ein Grab verstreuen,Die Lampe hing so gern ich auf das Deine! –
Als mir zuerst die Kunde war gekommen:„Ach, unser Börne starb und Frankreichs BodenHat unsren treusten Kämpfer aufgenommen?“ –Da kannte ich noch nicht den großen Toten;Sah nur der Lieder Leichenfackeln blinken,Die hinter Deinem Sarge hergetragen,Sah Deiner Jünger Thränen niedersinken –Und ließ mir Deines Lebens Kämpfe sagen.
Nun lauscht ich selber der Prophetenstimme,Die für die Freiheit alles Volk entflammte,Die, bald vernichtend, Deines Hasses GrimmeBald Deiner Liebe für das Volk entstammte.Da preßt die Seele Sehnsucht mir zusammen,Ein lindernd Öl fühl da ich in mir fließen,In eine goldne Lampe möcht ich’s gießenVon Deinem Grabe durch die Welt zu flammen.
Des Öles Balsam, den ich so empfangen,Es ist das Lied mit seinem hellen Dochte,Dem Freiheitsstreben und dem Kraftverlangen,Das ich nur Dir, nur Dir verdanken mochte!Ich bin ein Weib – doch wirst Du nicht verachtenMein Streben, nicht mein Lieben und mein Singen!Ich bin ein Kind – kann keine Schwerter schwingen,Den Brand nicht werfen, wo die Völker nachten.
Doch ist’s ein weiblich, kindliches GeschäfteDer Treue Lampe sorgsam fortzupflegen.Das heischt nur Wachsamkeit nicht MännerkräfteUnd giebt im Dunkeln doch des Lichtes Segen,Und wär es nur ein bleicher Silberschimmer:’s ist besser doch als ganz im Finstern weilen.Das Öl der Liebe brennt – doch kann’s auch heilen:Glut, Licht und Heilung braucht die Menschheit immer.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 8-9, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Ludwig Börne“, Fassung 634.909 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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