An Byron
Louise Otto-Peters · 1819–1895
41 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
1843.
Held meine ersten träumerischen Lieder,Idol dem einstens sich mein Herz geweiht,Wie damals tret ich vor dein Antlitz wiederUnd schau Dich an Du Sohn der neuen Zeit!Und schau Dich an und alte Schmerzen wachenIn meiner Seele auf und schrein zu Dir.Und höhnische Dämonen hör ich lachen,Dich hör’ ich rufen: „Was willst du von mir?“
„Armselig Kind! bist Du die tolle Mücke!Die wild in meines Geistes Flamme flog,Die ich versengt zu jenen tausend schicke,Die so wie Dich mein Feuerglüh’n betrog?Und willst Du nun mich schelten und mich höhnen,Mein kühnes Flackern sei ein Irrlichtschein –Ihr konntet Euch an diese Glut gewöhnen,Ich rief Euch nicht, Ihr stürztet selbst hinein.“
Nein Dichter, nein! wir wolln Dich nicht verklagen,Du trugst zu viel schon an der eignen Pein,Und solltest nun auch noch die fremde tragenSchuld an dem Elend uns’rer Zeit zu sein?Und sei’s und sei’s daß wir die Ketten fühlenDer Erdenqual wie Du gefühlt sie hast,Ruhlos in Schmerzen und in Zweifeln wühlenGleich Dir empfindend dieses Staubes Last. –
Hab Dank’, hab Dank’, denn besser ist’s die KettenDie Du trugst und die unsern, endlich seh’n,Zeigst Du ein Mittel doch uns zu errettenUnd zu dem unsern machen wir dein Flehn:Für Herzenwunden suchst Du Schlachtenwunden,Für Glaubenszweifel eine edle That:Heil Dir! Du hast das Kriegergrab gefundenUm das dein Herz im Freiheitskampfe bat.
O könnte ich so unser Schicksal wenden!Denn uns verlangt danach wie Dich verlangtIm Freiheitskampfe siegend zu vollenden,Vor einem Knechtstod nur sind wir erbangt.In Liedern säen wir der Freiheit SamenUnd hoffen, daß er spurlos nicht verweht,Daß, wie er ausgesä’t in Gottes Namen,Ein reiches Erntefeld aus ihm ersteht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 50-51, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An Byron“, Fassung 638.487 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.