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Versbuch

An Richard Wagner

Louise Otto-Peters · 18191895

55 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

1855.

Von einer neuen Oper sprach man lang,Voll rauschender Musik und holdem Sang,Die Deinen Namen uns verkündet;Und alles Neue lockte mich herbeiWenn eines deutschen Namens Weih’Sich deutschem Werk verbündet

In Dresdens Opernhause weilt ich nun:„Rienzi“ hieß die Oper, „Roms Tribun“.Mit vollen, feierlichen KlängenBegann sie, da Dein kleiner ZauberstabDas erste Zeichen dem Orchester gab,Daß Tön’ an Töne drängen.

Erschüttert lauscht das dichtgefüllte HausWagt kaum zu atmen in dem Tongebraus,Ruft beifallstürmend in die Scene,Und immer neu bricht sich Begeistrung Bahn,Ruft bald „Rienzi“ und bald „Adrian“,„Colonna und Irene“!

Todtbleich und bebend fand ich mich am Schluß –Eins wußt ich nur: Es war ein Genius,Der mich mit Gottesmacht bezwungen.Ein Genius, der mit TitanenkraftDas Alte stürzte und ein Neues schafft,Ein neues Reich errungen.

Da kam der Splitterrichter eitle ZunftUnd mäkelte mit alter UnvernunftAn dem, das ihr zu hoch gegeben.Ich lächelte zu ihrem häm’schen Wort –Seit jenem Tag warst Du mein Held und HortIm kunstgeweihten Leben.

Des „fliegenden Holländers“ Geisterschiff„Tannhäusers“ und des Wolframs HarfengriffUnd „Lohengrins“ erhabnes Tönen –:Die folgten nach, wie Stern an Stern sich reiht,Durchbrechend hell der Wolken DunkelheitAm Himmel alles Schönen,

Und immer neu, wie jenes erste mal,Da sich Begeistrung in das Herz mir stahlHab’ ichs entzückt bekennen müssen –Und hab’ es – o wie gern – bekannt!Du hast entdeckt ein neues Land,Kolumbus! laß Dich grüßen.

Und ob wie er vervehmet und verbannt,Du einsam weilst im fernen, fremden LandDein Stern kann nicht erbleichen.Mit Donnertönen dringt Dein Name weitEr glänzt in sieggewohnter HerrlichkeitAls unser Bundeszeichen.

Dir winkt der Tempel der Unsterblichkeit,Die jeden Genius der Zukunft weiht,Der seinem Volk vorangegangen.Es folgt Dir nach zum Reich, das Du erschaut,Der Zukunft Kunstwerk wird einst hoch erbautUnd Dir geweihet prangen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 170-172, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „An Richard Wagner“, Fassung 637.959 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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