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Versbuch

Schönheitssinn

Karl Streckfuß · 17781844

216 Zeilen in 27 Strophen · zuerst gedruckt 1804

Im Herzen ruhet tief verborgen,Was jeder spürt, und keiner kennt.Es regt sich, wenn am jungen MorgenIn Gold des Aethers Blau entbrennt.Wir fühlen’s, wenn der Abend sinket,Wenn sich die braune Nacht uns naht,Wenn Luna’s sanftes Auge winket,Umgaukelt’s der Gefühle Pfad.

Es ist ein wunderbares Wesen,Und scheint aus Aethersduft gewebt,Ein Räthsel — keiner kann es lösen,Was auch die Sehnsucht sich bestrebt.Wenn seine Zauber um uns schweifen,Sucht es umsonst der irre Blick,Die Sehnsucht heißt, den Schatten greifen,Dann tritt er geistergleich zurück.

Doch treibt ein schmerzlich süßes StrebenUns fort, nach dem Geheimen hin,Es anzuschaun in That und Leben,Und deutlich dargestellt dem Sinn.Oft glauben wir, es zu erblicken,Wenn uns der Schönheit Zauber winkt.Dann füllt uns himmlisches Entzücken,Und jeden Schmerzes Spur versinkt.

Wenn hergesandt von Himmelshöhen,Die Schönheit der Gestalt sich zeigt,Wenn wir des Künstlers Werke sehen,Dem sich die Grazie liebend neigt,Wenn bey des heil’gen Dichters Tönen,Das Herz mit Wonne sich erfüllt,Dann schweigt des Busens banges Sehnen,Und unser Streben ist gestillt.

Der Ruhe Rosenlippe neigetSich dann zu uns mit leisem Kuß,Und aus des Herzens Tiefen steigetMelodisch guter Geister Gruß.Dann drücken nicht der Erde LüfteDes Geistes leichte Schwingen mehr.Es wehen lieblich reine DüfteAus unbekannten Welten her.

Das Höchste scheint sich zu entfalten,Die Gottheit liebend uns zu nahn,Und über unser Seyn zu walten,Zu ebnen unsers Lebens Bahn.Sie scheint zu sich uns zu erheben,Erhellt des Grabes öde Nacht,Uns glänzt ein neues, schönes Leben,Das die Vergänglichkeit verlacht.

So stillt das Schöne unser Streben,Das jeder spürt und keiner kennt,Deß Zauber ewig uns umschweben,Das stets uns ruft, und nie sich nennt,Das nie gestillte herbe Schmerzen,Dem, der sich selbst verlor, gebiert,Und das die kindlich treuen HerzenHinauf zum Thron der Gottheit führt.

Und nicht vergehn des Schönen Spuren,Wenn es der Gegenwart entflieht,Denn wie durch Sonnenglanz den FlurenEin lockig junger Lenz entblüht,So keimt der höchsten Menschheit BlütheNur bey des Schönen Strahl hervor;Die Kraft, die einmal sie durchglühte,Treibt sie zum Stamme hoch empor.

So wuchert in die fernsten ZeitenDer Schönheit süßer Anblick fort;So reiche Segnungen verbreitenDes Dichters Bild und Ton und Wort;So ist, was du, o Kunst, geboren,Was die Begeisterung erzeugt,Für die Unsterblichkeit erkoren,Und wird von keiner Zeit gebeugt.

Als noch des Himmels blaue FerneDen Thron Unsterblicher umschloß,Als frommer Glaube durch die SterneDes regen Lebens Odem goß,Da jauchzten laut die ew’gen Zecher,Wenn Hebe ihre Blicke fand,Und höhre Wonne gab der Becher,Gereicht von Ganimedes Hand.

Wohin nur Amors Augen flogen,Da wich vor seinem Blick die Nacht,Und nicht den Pfeilen, nicht dem Bogen,Der Schönheit dankt’ er seine Macht.Er wollt’ es, und in Lieb’ entglühteSelbst Juno’s nie gebeugter Stolz.Du lächeltest, o Aphrodite,Und Jovis düstrer Ernst zerschmolz.

Du, der die Grazien gelächelt,Vor allen hold, Aspasia,Wenn deines Nahmens Wohllaut fächelt,Sind uns noch süße Träume nah.Noch schlägt, entglüht von schönerm Feuer,Bey seinem Laut das Herz empor,Und aus der Zeiten düsterm SchleyerGlänzt deine Wohlgestalt hervor.

Noch lebt der greise Mäonide,Noch blühet seiner Schöpfung Pracht,Noch wird das Herz bey Pindars LiedeZu hohen Thaten angefacht.In ewig schönen Flammen glühetNoch Sapho’s mächtiges Gefühl,Und jede düstre Sorge fliehetNoch bey des frohen Tejers Spiel.

Und wie die herrlichen Gestalten.Die Aeschils Genius gebar,Mit Majestät vorüber walltenVor der erstaunten Griechen Schaar,So gleiten sie mit hoher WürdeNoch jetzt vor unserm Sinn vorbey,Erleichtern unsers Lebens Bürde,Und machen das Gebundne frey.

Noch labet uns Blandusia’s Quelle,Wenn Trübsinn unser Blut vergällt,Noch sehn wir auf des Lebens WelleGeschaukelt Maro’s frommen Held.Im magischen Gewirr erscheinetNoch der Verwandelungen Schwarm.Noch, wenn Ovid im Pontus weinet,Ehrt unsre Thräne seinen Harm.

Wenn in der Zeiten regem StrebenDer Völker Ruhm die Welt vergaß,So werdet ihr doch ewig leben,Praxiteles und Phidias.Zwar eure Werke sind versunken,Doch ist ihr Wirken nicht zerstört,Noch wird von eures Geistes FunkenDes Künstlers Seele neu verklärt.

Noch treiben eure hohen Nahmen,O Zeuxis, o Parrhasius,Zur Blüth’ empor des Schönen Saamen,Sie schenken uns der Frucht Genuß.Sie weichen nicht der Zeiten Fluthen,Kein Schicksal hemmet ihre Macht,Sie lodern noch in Guido’s Gluthen,Sie leuchten aus Correggio’s Nacht.

So wuchert in die fernsten ZeitenDer Schönheit süßer Anblick fort,So reiche Segnungen verbreitenDes Dichters Bild und Ton und Wort.So ist, was du, o Kunst, geboren,Was die Begeisterung erzeugt,Für die Unsterblichkeit erkoren,Und wird von keiner Zeit gebeugt.

Dort, wo zu grausen UeberhängenSich auf die Felsenmasse thürmt,Wo durch die Wände, die ihn drängen,Der Gießbach wild hernieder stürmt,Wo kärglich klimmend nur der kühneEpheu dem Boden sich entstahl,Dort führt, bedeckt von seiner Grüne,Ein Pfad zu einem schönen Thal.

Es wird von hoher Linden ZweigenMit süßer Dämmerung umgraut,Ihm störet nie der Ruhe SchweigenDer Stürme schreckenvoller Laut;Nur den Gesang der NachtigallenLallt Echo’s zarte Stimme nach,Ein Zephyr heißt die Blüthen fallen,Und schaukelt sich im grünen Dach.

Da blühn aus milder Wiesen MattenDie Blumen üppig schön empor,Die nie vor Phöbus Strahl ermatten;Dort bricht ein Silberquell hervor.Er spielt mit lieblichem GekoseHin durch der Auen frisches Grün,Die Blumen nicken seinem Schooße,Und sehn entzückt, wie schön sie blühn.

Hier, wo des jungen Grases KeimeVor mir kein Menschenfußtritt bog,Wo durch die dunkelhellen RäumeNoch nie der Ton der Klage flog,Wo tosend nie des Lehens WelleAn rauhen Felsen sich ergießt.Wo sie so sanft und silberhelle,Wie aus der dunkeln Quelle fließt;

Hier will ich einen Altar gründen,Und ihn dem Dienst des Schönen weihn,Hier soll des Lenzes Wehn mich finden,Verborgen, ungestört, allein;Zufriedenheit soll mich begleiten,Und wundersüßer Träume Lust,Es soll kein Zweifel sie bestreiten,Kein Gram bekämpfen meine Brust.

In tiefes Schauen zu versenkenDen reinen Blick, den reinen Sinn,Mit Harmonie das Herz zu tränken,Sey meiner Einsamkeit Gewinn;Und reich an hohen Idealen,Die ihre Götterbrust genährt,Wird mir die Kunst entgegen strahlen.Die nur die reinen Herzen hört.

Von ihr wird jeder Schleyer fallen,Und das Geheimste werd’ ich sehn,In allen ihren Reizen, allen,Wird die Geliebte vor mir stehn.Ihr Anblick wird mich neu beseelen,Und ihrer Götterstimme LautWird mächtig meine Kräfte stählen,Zu singen, was ich angeschaut.

Wird dann der Nordwind sich erheben,Welkt dann der Blätter Reichthum ab,Dann trag’ ich in das rege LebenZurück den leichten Wanderstab,Und aus dem unbekannten ThaleBring’ ich den kindlich reinen Sinn,Und meine tausend IdealeMit zu der Menschen Hütten hin.

Sie mit dem Leben zu versöhnen,Enthüll’ ich, was im Herzen glüht,Und lieblich zeigt das Bild des SchönenDer Wohllaut, der der Lipp’ entflieht.So still’ ich dann ihr reges Streben,Das jeder spürt und keiner kennt,Deß Zauber ewig uns umschweben,Das stets uns ruft und nie sich nennt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 7–15, 1, J. V. Degen, Wien, 1804
Digitalisat
de.wikisource.org — „Schönheitssinn“, Fassung 2.345.158 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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