An die Kronprinzessin von Preußen
Karl Streckfuß · 1778–1844
88 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1834
Wenn mit bescheid’nem Schritt, den Blick gesenkt,Die Wangen überglüht von höherm Roth,Im ländlich bunten Schmuck, den Kranz im Haar,Die Hirtin an der Hand des Bräutigams,Durchs Dörflein zieht, der kleinen Kirche zu,Die in der hohen Linden grüner Nacht,Umringt von Gräbern, still geheimnißvollDas Paar empfangen soll zum ernsten Spruch,Dann regt sich froh im Dörflein Alt und Jung.Im besten Schmuck, geziert das Haar, den HutMit frischen Blumen und mit grünem Laub,Ziehn früh die Mädchen und die JünglingeEntlang dem klaren Bach zum Kirchhof hin,Des Paars zu harren und an ihm den BlickAm heitern und verhängnißvollen TagMit Lust, vermischt mit Angst, zu sättigen.Aus halbverfallner Hütt’ und schmuckem Haus,Aus Fenster oder Thür, streckt auch der GreisUnd streckt die Greisin das gebeugte Haupt,Zurückversetzt in ihre schön’re Zeit,Und neu sie lebend in Erinnerung;Und, ihres Spiels vergessend, lauschen stillDie Kinder durch der Hecken grünes Laub.So folgt theilnehmend, liebevoll und frohDem ernsten Gang des Paares Blick und Herz.Doch wenn es dann, verknüpft durch heil’ges WortZum ew’gen Liebesbund, vom GotteshausMit sichrern, festern Schritten wiederkehrt,Dann eilt mit liebender ZudringlichkeitHerbei der Freunde, der Verwandten Schaar,Und selbst der Fremde naht sich, wie er kann.Da strömen Seegenswünsche voll und warmAus jeder Brust – die Augen, thränenvollDoch froh, verkünden Hoffnung, Lieb’ und Lust.Die Schwelle, die das Paar betreten soll,Mit bunten Blumen ist sie überstreut,Die Thür bekränzt mit frischen jungen May’n.Im Geben selig, bringt die Liebe frohDen Liebenden der Gaben manche dar,Und selbst die Armuth trägt ihr Scherflein bei.
Wenn so im kleinen stillverborgnen DorfAm Tag, der über einer Hütte LoosEntscheiden soll, sich laut der Jubel regt,Wie, wenn von einem glanzumstrahlten ThronZum andern hin der Liebe Zauber wirkt?Wenn, nicht zwei Opfer, die der Staaten WohlUnd Königspflicht, ach! oft zu schwer, erheischt,Nein, zwei Beglückte, gegenseits erwähltVom schönsten Trieb in edler Menschenbrust,Ein theures Fürstenpaar, von Thron zu ThronSich nahn, die hohe Feier zu begehn?Wenn zweier hochverehrten Häupter GlückUns Bürgschaft wird für zweier Völker Wohl?Wenn in der Herzen seegenvollem BundEintracht und Lieb’ auch für die Völker blühn?Wenn, wie die Flamm’ auf hohem BergeshauptIhr Licht in alle Thäler rings verstrahlt,Die Tugend, Lieb’ und Eintracht auf dem ThronErglänzen wird zum Vorbild allem Volk,Das gern dem Beispiel seiner Fürsten folgt?Dann tönt der Jubel laut von Stadt zu Stadt,Von Strom zu Strom, von Berg zu Berge fort!In Millionen Brüsten schlägt ein Herz!Im Geben selig, giebt die Liebe froh,Giebt, was sie kann – sich selbst und ihre Lust.
Sieh, hohe Fürstin, was in unsrer StadtHeut mächtig in der Bürger Busen wallt,Heut leuchtend in der Bürger Blicken glänzt,Heut freudig über Plätz’ und Straßen wogt,Heut laut im trunknen Jubelrufe schallt!Die Stadt – die hochbeglückte Schwell’ ist sie,Die Dich, Erhabne, führt ins künft’ge Haus,Ins Haus, erbaut durch Treu’ und Kraft und Muth,Vom fernen Niemen bis zum grünen Rhein,Vom Ostmeer bis zu Schlesiens Riesenhöh’n;Ins Haus, wo Muth und Kraft und Treue wohntUnd Liebe für den Vater, der’s beherrscht,Und für den Sohn, der’s einst beherrschen soll –O Glückliche, Beglückende, die ErSich auserwählt, die Ihn sich auserwählt,Nachfolgerin der Unvergeßlichen,Die einstens diesen Thron mit zarter HandGeschmückt hat mit der Myrte schönstem Kranz,Die, selbst mit einem Sternenkranz geschmückt,Jetzt niederlächelt auf dies frohe Land –O Glückliche, Beglückende, bring’ IhmDas schönste Menschenloos! – empfang’ es selbstAus unsers Volkgeliebten treuer Hand!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Dichtungen, S. 1–4, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An die Kronprinzessin von Preußen“, Fassung 722.559 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
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