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Versbuch

Wiederfinden

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 30. August 1819

Ist es möglich? Stern der Sterne,Drück’ ich wieder dich ans Herz!Ach! was ist die Nacht der FerneFür ein Abgrund, für ein Schmerz.Ja du bist es! meiner FreudenSüßer, lieber Widerpart;Eingedenk vergangner LeidenSchaudr’ ich vor der Gegenwart.

Als die Welt im tiefsten GrundeLag an Gottes ew’ger Brust,Ordnet’ er die erste StundeMit erhabner Schöpfungslust,Und er sprach das Wort: Es werde!Da erklang ein schmerzlich Ach!Als das All, mit Machtgebärde,In die Wirklichkeiten brach.

Auf that sich das Licht! sich trennteScheu die Finsterniß von ihm,Und sogleich die ElementeScheidend auseinander fliehn.Rasch, in wilden wüsten Träumen,Jedes nach der Weite rang,Starr, in ungemessnen Räumen,Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

Stumm war alles, still und öde,Einsam Gott zum erstenmal!Da erschuf er Morgenröthe,Die erbarmte sich der Qual;Sie entwickelte dem TrübenEin erklingend Farbenspiel,Und nun konnte wieder lieben,Was erst auseinander fiel.

Und mit eiligem BestrebenSucht sich, was sich angehört,Und zu ungemessnem LebenIst Gefühl und Blick gekehrt.Sey’s Ergreifen, sey es Raffen,Wenn es nur sich fasst und hält!Allah braucht nicht mehr zu schaffen,Wir erschaffen seine Welt.

So, mit morgenrothen FlügelnRiß es mich an deinen Mund,Und die Nacht mit tausend SiegelnKräftigt sternenhell den Bund.Beyde sind wir auf der ErdeMusterhaft in Freud und Qual,Und ein zweytes Wort: Es werde!Trennt uns nicht zum zweytenmal.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Morgenblatt für gebildete Leser, 13. Jahrgang, Nr. 207, S. 825, 1. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 30. August 1819
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wiederfinden“, Fassung 3.780.952 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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