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Versbuch

Ziblis

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

81 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1767

eine Erzählung.

Mädgen, sezzt euch zu mir niederNiemand stöhrt hier unsre Ruh,Seht es kommt der Frühling wiederWelkt die Blumen und die Lieder,Ihn zu ehren hört mir zu.

Weise, strenge Mütter lehren:Mädgen, flieht der Männer List.Und doch laßt ihr euch bethören!Hört, ihr sollt ein Beyspiel hören,Wer am meisten furchtbar ist.

Ziblis jung und schön, zur Liebe,Zu der Zärtlichkeit gemacht,Floh aus rauhem wilden Triebe,Nicht aus Tugend alle Liebe,Ihre Freude war die Jagd.

Als sie einst tief im GesträucheSorglos froh ein Liedgen sang,Ward sie blaß, wie eine Leiche,Da aus einer alten EicheEin gehörnter Waldgott sprang.

Zärtlich lacht das Ungeheuer,Ziblis wendet ihr Gesicht,Läuft, doch der gehörnte FreyerSpringt ihr wie ein hüpfend FeuerNach, und ruft: O flieh mich nicht.

Schreyn kann niemals überwinden.Sie lief schneller, er ihr nach.Endlich kam sie zu den Gründen,Da wo unter jungen LindenEmiren am Wasser lag.

Hilf mir! rief sie. Er voll Freude,Daß er so die Nymphe sah,Stand bewafnet zu dem StreiteMit dem Ast der nächsten Weide,Als der Waldgott kam, schon da.

Der trat näher ihn zu höhnen,Und gieng schnell den Zweykampf einSie erbebt für Emirenen.Immer wird das Herz der SchönenAuf des Schönen Seite seyn.

Seinen Feind im Sand zu höhnen,Regt sich Fuß, und Arm, und Hand.Bald mit Stosen, bald mit DehnenLiebe stärkt die Kraft der Sehnen,Beyde waren gleich entbrandt.

Endlich sinkt der Faun zur Erden,Denn ihn traf ein harter Streich.Gräslich zerrt er die Geberden;Emiren ihn los zu werden,Wirft ihn in den nächsten Teich.

Ziblis lag mit matten Blikken,Da der Sieger kam, im Gras.Wirds ihm ihr zu helfen glükken?Leicht sind Mädgen zu erquikken,Oft ist ihre Krankheit Spas.

Sie erhebt sich. Neues LebenGiebt ein heißer Kuß ihr gleich.Doch, der einen schon gegeben,Sollte nicht nach mehrern streben?Das sieht einem Mährgen gleich.

Wartet nur. Es folgten KüßeHundertweis; sie schmekkten ihr.Ja die Mäulgen schmekken süße.Und bey Ziblis waren dieseGar die ersten. Glaubt es mir.

Darum sog mit langen ZügenSie begierig immer mehr.Endlich trunken von Vergnügen,Ward dem Emiren das Siegen,Wie ihr denken könnt, nicht schwer.

Mädgen, fürchtet rauher LeuteBuhlerische Wollust nieDie im ehrfurchtsvollen KleideViel von unschuldsvoller FreudeReden, Mädgen, fürchtet die.

Wacht, denn da ist nichts zu scherzen.Seyd viel lieber klug als kalt.Zittert stets für eure Herzen.Hat man einmal diese Herzen;Ha! Das andre hat man bald.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Annette. S. 4–12, ohne Angabe, Leipzig, 1767
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ziblis“, Fassung 2.333.345 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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