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Versbuch

Prometheus

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1789

Bedecke deinen Himmel, Zevs,Mit Wolkendunst,Und übe, dem Knaben gleich,Der Disteln köpft,An Eichen dich und Bergeshöhn;Müßt mir meine ErdeDoch lassen stehn,Und meine Hütte, die du nicht gebaut,Und meinen HerdUm dessen GluthDu mich beneidest.

Ich kenne nichts ärmersUnter der Sonn’ als euch, Götter!Ihr nähret kümmerlichVon OpfersteuernUnd GebetshauchEure Majestät,Und darbtet, wärenNicht Kinder und BettlerHoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,Nicht wußte wo aus noch ein,Kehrt’ ich mein verirrtes AugeZur Sonne, als wenn drüber wär’Ein Ohr zu hören meine Klage,Ein Herz wie mein’s,Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mirWider der Titanen Übermuth?Wer rettete vom Tode michVon Sklaverey?Hast du nicht alles selbst vollendet,Heilig glühend Herz?Und glühtest jung und gut,Betrogen, RettungsdankDem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?Hast du die Schmerzen gelindertJe des Beladenen?Hast du die Thränen gestilletJe des Geängsteten?Hat nicht mich zum Manne geschmiedetDie allmächtige ZeitUnd das ewige Schicksal,Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,Ich sollte das Leben hassen,In Wüsten fliehen,Weil nicht alleBlüthenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme MenschenNach meinem Bilde,Ein Geschlecht, das mir gleich sey,Zu leiden, zu weinen,Zu genießen und zu freuen sich,Und dein nicht zu achten,Wie ich!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 207–209, G. J. Göschen, 1789
Digitalisat
de.wikisource.org — „Prometheus (Gedicht, frühe Fassung)“, Fassung 2.105.646 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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