Prometheus
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Bedecke deinen Himmel, Zeus,Mit Wolkendunst,Und übe, dem Knaben gleich,Der Disteln köpft,An Eichen dich und Bergeshöhn;Müßt mir meine ErdeDoch lassen stehn,Und meine Hütte, die du nicht gebaut,Und meinen Herd,Um dessen GluthDu mich beneidest.
Ich kenne nichts AermeresUnter der Sonn’, als euch, Götter!Ihr nähret kümmerlichVon OpfersteuernUnd GebetshauchEure Majestät,Und darbtet, wärenNicht Kinder und BettlerHoffnungsvolle Thoren.
Da ich ein Kind war,Nicht wußte wo aus noch ein,Kehrt’ ich mein verirrtes AugeZur Sonne, als wenn drüber wär’Ein Ohr, zu hören meine Klage,Ein Herz, wie mein’s,Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mirWider der Titanen Uebermuth?Wer rettete vom Tode mich,Von Sklaverey?Hast du nicht alles selbst vollendet,Heilig glühend Herz?Und glühtest jung und gut,Betrogen, RettungsdankDem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren? Wofür?Hast du die Schmerzen gelindertJe des Beladenen?Hast du die Thränen gestilletJe des Geängsteten?Hat nicht mich zum Manne geschmiedetDie allmächtige ZeitUnd das ewige Schicksal,Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa,Ich sollte das Leben hassen,In Wüsten fliehen,Weil nicht alleBlüthenträume reiften?
Hier sitz’ ich, forme MenschenNach meinem Bilde,Ein Geschlecht, das mir gleich sey,Zu leiden, zu weinen,Zu genießen und zu freuen sich,Und dein nicht zu achten,Wie ich!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Zweyter Band. S. 76–78, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Prometheus (Gedicht, späte Fassung)“, Fassung 3.778.865 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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