Willkommen und Abschied
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Es schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!Es war gethan fast eh’ gedacht;Der Abend wiegte schon die ErdeUnd an den Bergen hing die Nacht:Schon stand im Nebelkleid die EicheEin aufgethürmter Riese da,Wo Finsterniß aus dem GesträucheMit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem WolkenhügelSah kläglich aus dem Duft hervor,Die Winde schwangen leise Flügel,Umsaus’ten schauerlich mein Ohr;Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;Doch frisch und fröhlich war mein Muth:In meinen Adern welches Feuer!In meinem Herzen welche Gluth!
Dich sah ich, und die milde FreudeFloß von dem süßen Blick auf mich;Ganz war mein Herz an deiner SeiteUnd jeder Athemzug für dich.Ein rosenfarbnes FrühlingswetterUmgab das liebliche Gesicht,Und Zärtlichkeit für mich – Ihr Götter!Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!
Doch ach schon mit der MorgensonneVerengt der Abschied mir das Herz:In deinen Küssen, welche Wonne!In deinem Auge, welcher Schmerz!Ich ging, du standst und sahst zur Erden,Und sahst mir nach mit nassem Blick:Und doch, welch Glück geliebt zu werden!Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Goethe’s Werke. Ausgabe letzter Hand. Bd. 1, S. 68-69, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Willkommen und Abschied (1827)“, Fassung 4.811.915 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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