Willkommen und Abschied
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1775
Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde,Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!Der Abend wiegte schon die Erde,Und an den Bergen hieng die Nacht;Schon stund im Nebelkleid die Eiche,Ein aufgethürmter Riese, da,Wo Finsterniß aus dem GesträucheMit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von seinem Wolkenhügel,Schien kläglich aus dem Duft hervor;Die Winde schwangen leise Flügel,Umsausten schauerlich mein Ohr;Die Nacht schuf tausend Ungeheuer –Doch tausendfacher war mein Muth;Mein Geist war ein verzehrend Feuer,Mein ganzes Herz zerfloß in Gluth.
Ich sah dich, und die milde FreudeFloß aus dem süßen Blick auf mich.Ganz war mein Herz an deiner Seite,Und ieder Athemzug für dich.Ein rosenfarbes Frühlings WetterLag auf dem lieblichen Gesicht,Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!Ich hoft’ es, ich verdient’ es nicht.
Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!Aus deinen Blicken sprach dein Herz.In deinen Küßen, welche Liebe,O welche Wonne, welcher Schmerz!Du giengst, ich stund, und sah zur Erden,Und sah dir nach mit naßem Blick;Und doch, welch Glück! geliebt zu werden,Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- aus der Zeitschrift: J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 244 – 245, Düsseldorf, 1775
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Willkommen und Abschied (1775)“, Fassung 3.779.259 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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