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Versbuch

Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

57 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1767

Elegieauf den Toddes Bruders meines Freundes.

Im düstern Wald, auf der gespaltnen Eiche,Die einst der Donner hingestrekt,Sing' ich um deines Bruders Leiche,Die fern von uns ein fremdes Grab bedekt.Nah schon dem Herbste seiner JahreHoft er getrost der Thaten Lohn;Doch unaufhaltsam trug die BaareIhn schnell davon.

Du weinest nicht? - Dir nahm ein langes ScheidenDie Hofnung ihn hier noch einmal zu sehn.Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn;Du sahst's und konntest nichts als ihn beneiden.

Doch horch - Welch eine Stimm’ voll SchmerzTönt in mein Ohr von seinem Grabe?Ich eil’, ich seh’, sie ist’s! Ihr HerzLiegt mit in seinem Grabe.Verlassen, ohne Trost liegt hie,Mit ängstlicher GebehrdeZu Gott gekehrt, als hofte sie,Das schönste Mädgen an der Erde.

Nie hat ein Herz so viel gelitten,Herr, sieh herab auf ihre Noth,Und schenke gnädig ihren BittenSein Leben, oder ihren Tod.

O Gott, bestrafest du die Liebe,Du Wesen voller Lieb und Huld?Denn nichts als eine heil’ge LiebeWar dieser Unglükseel’gen Schuld.

Sie hoft im hochzeitlichem KleideBald mit ihm zum Altar zu ziehn;Da riß sein Fürst von ihrer SeiteTyrannisch ihn.

O Fürst, du kannst die Menschen zwingen,Für dich allein ihr Leben zu zubringen,Das wird man deinem Stolz’ verzeyhn;Doch willst du ihre Seelen binden,Durch dich zu denken, zu empfinden,Das muß zu Gott um Rache schreyn.

Wie ward sein groses Herz durchstochen,Als er, der nie sein Wort gebrochen,Sein Wort zum erstenmale brach,Zum erstenmal es der Geliebten brach,Der, eh es noch sein Mund versprach,Sein Herz ein ewig Band versprochen.

Als Bürger der bedrängten ErdeSprach er, kann ich nie deine seyn;Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde,Soll dich mein Tod befreyn.Leb' wohl, es wein bey meinem GrabeJed' zärtlich Herz gerührt von meiner Treu,Dann eil' die stolze Tyranney,Der ich schon längst vergeben habe,Daß sie des Grabes Ursach sey,Unwillig fühlend, schnell vorbey.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Annette. S. 58-63, ohne Angabe, Leipzig, 1767
Digitalisat
de.wikisource.org — „Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes“, Fassung 3.779.606 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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