Osterspaziergang
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
39 Zeilen · zuerst gedruckt 1808
Faust.Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche,Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,Im Thale grünet Hoffnungs-Glück;Der alte Winter, in seiner Schwäche,Zog sich in rauhe Berge zurück.Von dorther sendet er, fliehend, nurOhnmächtige Schauer körnigen EisesIn Streifen über die grünende Flur;Aber die Sonne duldet kein Weißes,Ueberall regt sich Bildung und Streben,Alles will sie mit Farben beleben;Doch an Blumen fehlts im Revier,Sie nimmt geputzte Menschen dafür.Kehre dich um, von diesen HöhenNach der Stadt zurück zu sehen.Aus dem hohlen finstern ThorDringt ein buntes Gewimmel hervor.Jeder sonnt sich heute so gern.Sie feyern die Auferstehung des Herrn,Denn sie sind selber auferstanden,Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,Aus der Straßen quetschender Enge,Aus der Kirchen ehrwürdiger NachtSind sie alle ans Licht gebracht.Sieh nur sieh! wie behend sich die MengeDurch die Gärten und Felder zerschlägt,Wie der Fluß, in Breit’ und Länge,So manchen lustigen Nachen bewegt,Und, bis zum Sinken überladenEntfernt sich dieser letzte Kahn.Selbst von des Berges fernen PfadenBlinken uns farbige Kleider an.Ich höre schon des Dorfs Getümmel,Hier ist des Volkes wahrer Himmel,Zufrieden jauchzet groß und klein:Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Faust - Der Tragödie erster Teil, S. 63–65, 1. Auflage, J. G. Cotta, Tübingen, 1808
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Osterspaziergang“, Fassung 2.353.147 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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