Pygmalion
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
69 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1767
eine Romanze.
Es war einmal ein Hagenstolz,Der hieß Pygmalion;Er machte manches Bild von HolzVon Marmor und von Tohn.
Und dieses war sein Zeitvertreib,Und alle seine Lust.Kein junges schönes sanftes WeibErwärmte seine Brust.
Denn er war klug und furchte sehrDer Hörner schwer Gewicht;Denn schon seit vielen Jahren herTraut man den Weibern nicht.
Doch es sey einer noch so wild,Gern wird er Mädgen sehn.Drum macht’ er sich gar manches BildVon Mädgen jung und schön.
Einst hatt’ er sich ein Bild gemacht,Es staunte, wer es sah;Es stand in aller Schönheit PrachtEin junges Mädgen da.
Sie schien belebt, und weich, und warm,War nur von kaltem Stein;Die hohe Brust, der weisse ArmLud zur Umarmung ein.
Das Auge war empor gewandt,Halb auf zum Kuß der Mund.Er sah das Werk von seiner Hand,Und Amor schoß ihn wund.
Er war von Liebe ganz erfüllt,Und was die Liebe thut.Er geht, umarmt das kalte Bild,Umarmet es mit Glut.
Da trat ein guter Freund herein,Und sah dem Narren zu,Sprach: Du umarmest harten Stein,O welch ein Thor bist du!
Ich kauft’ ein schönes Mädgen mir,Willst du, ich geb’ dir sie?Und sie gefällt gewislich dirWeit besser, als wie die.
Sag’ ob du es zufrieden bist —Er sah es nun wohl ein,Ein Mädgen, das lebendig ist,Sey besser als von Stein.
Er spricht zu seinem Freunde, ja.Der geht und holt sie her.Er glühte schon eh er sie sah,Jetzt glüht er zweymal mehr.
Er athmet tief, sein Herze schlug,Er eilt, und ohne TrauNimmt er - Man ist nicht immer klug,Nimmt er sie sich zur Frau.
Flieht Freunde ja die Liebe nicht,Denn niemand flieht ihr Reich:Und wenn euch Amor einmal kriegt,Dann ist es aus mit euch.
Wer wild ist, alle Mädgen flieht,Sich unempfindlich glaubt,Dem ist, wenn er ein Mädgen sieht,Das Herze gleich geraubt.
Drum seht oft Mädgen, küsset sie,Und liebt sie auch wohl gar,Gewöhnt euch dran, und werdet nieEin Thor, wie jener war.
Nun, lieben Freunde, merkt euch diß,Und folget mir genau;Sonst straft euch Amor ganz gewiß.Und giebt euch eine Frau.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Annette. S. 73-81, ohne Angabe, Leipzig, 1767
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Pygmalion (Goethe)“, Fassung 1.001.332 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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