Der Schatzgräber
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Arm am Beutel, krank am Herzen,Schleppt’ ich meine langen Tage.Armuth ist die größte Plage,Reichthum ist das höchste Gut!Und, zu enden meine Schmerzen,Ging ich einen Schatz zu graben.Meine Seele sollst du haben!Schrieb ich hin mit eignem Blut.
Und so zog’ ich Kreis’ um Kreise,Stellte wunderbare Flammen,Kraut und Knochenwerk zusammen:Die Beschwörung war vollbracht.Und auf die gelernte WeiseGrub ich nach dem alten SchatzeAuf dem angezeigten Platze:Schwarz und stürmisch war die Nacht.
Und ich sah ein Licht von weiten,Und es kam gleich einem SterneHinten aus der fernsten Ferne,Eben als es zwölfe schlug.Und da galt kein Vorbereiten.Heller ward’s mit einemmaleVon dem Glanz der vollen Schale,Die ein schöner Knabe trug.
Holde Augen sah ich blinkenUnter dichtem Blumenkranze;In des Trankes HimmelsglanzeTrat er in den Kreis herein.Und er hieß mich freundlich trinken;Und ich dacht’: es kann der KnabeMit der schönen lichten GabeWahrlich nicht der Böse seyn.
Trinke Muth des reinen Lebens!Dann verstehst du die Belehrung,Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,Nicht zurück an diesen Ort.Grabe hier nicht mehr vergebens.Tages Arbeit! Abends Gäste!Saure Wochen! Frohe Feste!Sey dein künftig Zauberwort.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. S. 183–184., J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Schatzgräber (Goethe)“, Fassung 3.778.735 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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