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Versbuch

Kunst die Spröden zu fangen

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

40 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1767

Ich seh's du kennst sie nicht die Liebe, dacht ich,Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht.Wie leicht wird's seyn, dich zu entzünden,Da du so unerfahren bist?Die Liebe sollst du bald empfinden,Und sollst nicht wissen, daß sie's ist.

Dem Mädgen ward nebst andern GabenViel feuriges Gefühl geschenkt,Da meynt's, es denke gleich erhaben,Da es doch nichts als feurig denkt.

Was bey des Jünglings BlikkenEin jedes Mädgen fühlt,War das, was mit EntzükkenSie nur für Freundschaft hielt.

Einst saß sie meinen LehrenAufmerksam zu zuhören;Da sprach ich: Du must wissen,Daß auch die Freunde küssen,Die Freunde so wie ich und du -Ich wagt' es - und sie ließ es zu.

Nie schmekt ein Mädgen einen Kuß,Die sich nicht nach dem zweeten sehnte.Oft wiederhohlt' ich meinen Kuß,Daß sie sich bald daran gewöhnte.Wenn ich sie sah, und sie nicht küßte,Sprach gleich ihr Blikk, daß sie etwas vermißte.

So schwer ist's nicht, wie ich geglaubt,Dem Mädgen eine Gunst zu rauben;Hat sie uns nur erst eins erlaubt,Das andre wird sie schon erlauben.

Da wagt's mein Arm sie zu umschliesen.Sie ließ es zu.Da wagt's mein Mund die weisse Brust zu küssen.Sie ließ es zu.Doch eilends sprang sie auf. Dich werd ich fliehen müssen,Gefährlicher! rief sie, und ließ nichts weiter zu,Und floh. So weit gelang mir mein Bemühen.Ich folg' ihr langsam, da sie flieht;Denn eher wird sie bey dem Fliehen,Als ich bey dem Verfolgen müd.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Annette. S. 20-28, ohne Angabe, Leipzig, 1767
Digitalisat
de.wikisource.org — „Kunst, die Spröden zu fangen, Erste Erzählung“, Fassung 3.779.586 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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