Das Göttliche
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
59 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1789
Edel sey der Mensch,Hülfreich und gut!Denn das alleinUnterscheidet ihn,Von allen Wesen,Die wir kennen.
Heil den unbekanntenHöhern Wesen,Die wir ahnden!Sein Beyspiel lehr’ unsJene glauben.
Denn unfühlendIst die Natur:Es leuchtet die SonneÜber Bös’ und Gute,Und dem VerbrecherGlänzen wie dem BestenDer Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,Donner und HagelRauschen ihren Weg,Und ergreifen,Vorüber eilend,Einen um den andern.
Auch so das GlückTappt unter die Menge,Faßt bald des KnabenLockige Unschuld,Bald auch den kahlenSchuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen,Großen Gesetzen,Müssen wir alleUnseres DaseynsKreise vollenden.
Nur allein der MenschVermag das Unmögliche:Er unterscheidet,Wählet und richtet;Er kann dem AugenblickDauer verleihen.
Er allein darfDen Guten lohnen,Den Bösen strafen;Heilen und rettenAlles Irrende, SchweifendeNützlich verbinden.
Und wir verehrenDie Unsterblichen,Als wären sie Menschen,Thäten im Großen,Was der Beste im KleinenThut oder möchte.
Der edle MenschSey hülfreich und gut!Unermüdlich schaff’ erDas Nützliche, Rechte,Sey uns ein VorbildJener geahndeten Wesen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 215–218, G. J. Göschen, 1789
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Göttliche“, Fassung 4.420.901 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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