Blindschl
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
51 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Ich hatte einmal eine Liebschaft mitEiner Blindschleiche angefangen;Wir sind ein Stück Leben zusammen gegangenIm ungleichen Schritt und Tritt.
Die Sache war ziemlich sentimental.In einem feudalen Thüringer TalFand ich – nein glaubte zu finden – einmalDen ledernen Handgriff einerDamenhandtasche. Es war aber keiner.
Ich nannte sie „Blindschl“. Sie nannte michNach wenigen Tagen schon „Eierich“Und dann, denn sie war sehr gelehrig,Verständlicher abgekürzt „Erich“.
Allmittags haben gemeinsam wirAm gleichen Tische gegessen,Sie Regenwürmer mit zwei Tropfen Bier,Ich totere Delikatessen.
Sie opferte mir ihren zierlichen Schwanz.Ich lehrte sie überwindenUnd Knoten schlagen und Spitzentanz,Schluckdegen und Selbstbinder binden.
Sie war so appetitlich und nett.Sie schlief Nacht über in meinem BettAls wie ein kühlender Schmuckreif am Hals,Metallisch und doch so schön weichlich.Und wenn ihr wirklich was schlimmstenfallsPassierte, so war es nie reichlich.
Kein Sexuelles und keine Dressur.Ich war ihr ein Freund und ein Lehrer,Was keiner von meinen Bekannten erfuhr;Wer mich besuchte, der sah sie nurAuf meinem Schreibtisch steif neben der UhrAls bronzenen Briefbeschwerer.
Und Jahre vergingen. Dann schlief ich einmalMit Blindschl und träumte im Betti(Jetzt werde ich wieder sentimental)Gerade, ich äße Spaghetti.
Da kam es, daß irgendwas aus mir pfiff.Mag sein, daß es fürchterlich krachte.Fest steht, daß Blindschl erwachteUnd – sie, die sonst niemals nachts muckte –Wild züngelte, daß ich nach ihr griffUnd sie, noch träumend, verschluckte.
Es gleich zu sagen: Sie ging nicht tot.Sie ist mir wieder entwichen,Ist in die Wälder geschlichenUnd sucht dort einsam ihr tägliches Brot.
Vorbei! Es wäre – ich bin doch nicht blind –Vergebens, ihr nachzuschleichen.Weil ihre Wege zu dunkel sind.Weil wir einander nicht gleichen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 19–21, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Blindschl“, Fassung 3.026.741 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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