Die Riesendame der Oktoberwiese
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
50 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Die Zeltwand spaltete sich weit,Und eine ungeheure Glocke wuchteteHerein. „Emmy, das größte Wunder unsrer Zeit!“Dort, wo der Hängerock am Halse buchtete,Dort bot sich triefenden QuartanerlüstenDie Lavamasse von alpinen Brüsten,Die majestätisch auseinanderfloß.„Emmy, der weibliche Koloß.“Hilflose Vorderschinken hingenHerunter, die in Würstchen übergingen.Und als sie langsam wendete: – Oho! –Da zeigte sich der Vollbegriff PopoIn schweren erzgegoßnen Wolkenmassen.„Nicht anfassen!“Und flüchtig unter hochgerafften SegelnSah man der Oberschenkel Säulenpracht.Da war es aus. Da wurde gell gelacht.Ich wußte jeden Witz zu überflegeln,Und jeder Beifall stärkte meinen Schwung.Die Dicke schwieg. Ich gab die Vorstellung.
Besonders lachten selbst recht runde Leute.Ich wartete, bis sich das Volk zerstreute.
Nacht war es worden. Emmy ließ sich dort,Wo sie gestanden, dumpf zum Nachtmahl nieder.Sie schlang mit Gier, doch regte kaum die Glieder.„Sag, Emmy, würdest du ein gutes Wort,Das keinen Witz und keine Neugier hat,Von einem, der dich tief betrauert, hören?“Sie sah nicht auf. Sie nickte kurz und matt:„Nur zu! Beim Essen kann mich gar nichts stören.“
„Emmy! Du armes Wunderwerk der Zeit!Du trittst dich selbst mit ordinären Reden,Mit eingelerntem hohlen Vortrag breit.Du läßt die schlimme Masse deines FettesVon jedem Buben, jeder Dirne kneten.Man kann den Scherz vom Umfang deines Bettes,Der Badewanne bis zum Ekel spinnen.Und so tat ich. Und konnte nicht von hinnen.Ich dachte mich beschämt in dich hinein.Es müßte doch in dir, in deinem LebenSich irgendwo das Schmerzgefühl ergeben:Ein Dasein lang nicht Mensch noch Tier zu sein.“Hier hielt ich inne, dachte zaghaft nach.Bis ein Geräusch am Eingang unterbrach.
Es nahte sich mit wohlgebornen SchrittenDer Elefant vom NachbarzeltUnd sagte: „Emmy, schwerste Frau der Welt,Darf ich um einen kleinen Beischlaf bitten?“
Diskret entweichend konnte ich noch hören:„Nur zu! Beim Essen kann mich gar nichts stören.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 113–114, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Riesendame der Oktoberwiese“, Fassung 3.564.854 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.