Das Turngedicht am Pferd
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
53 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1923
(Schon den Römern bekannt)
Es lebte an der Mündung der DobrudschaEin Roll- und Bier- und Leichenwagenkutscher.Der riß lebendigem Getier – o Graus! –Mit kaltem Blut die Pferdeschwänze aus.Hopla!
Jedoch verscherzte er mit solchen StreichenSich den Verkehr mit Roll und Bier und LeichenUnd frönte nun dem Trunk, auch nebenbeiDer Kunst, speziell der Pferdeschlächterei.Hopla!
Man traf ihn manchmal unter ViaduktenMit Pferdeköpfen, die noch lebhaft zuckten,Und fragte man dann nach dem Preis pro Pfund,Dann brüllte er und hatte Schaum vorm Mund:„Hopla!“
Doch abermals aus dem Beruf gestoßen,Ergab er sich dem Schicksal aller GroßenUnd wurde – solches traf sich eben gut –Pedell an einem Turninstitut.Hopla!
Schon im Begriff, sein Leben umzuwandeln,Besoff er sich und stürzte über Hanteln.Er wußte selber nicht, wie weit, wie tief;Jedoch er fragte gar nicht, sondern schlief.. . . la . . .
Punkt Mitternacht bemerkte der Betäubte,Daß sich sein Haar mit leisem Knirschen sträubte.Er wachte auf und sah im bleichen GlanzEin Pferd, ein Pferd, ganz ohne Haupt und Schwanz.. . . pla!
Nun reckte sich das abenteuerlicheGespenst und wuchs ins Ungeheuerliche.Drei Meter mochte es gewachsen sein,Da hielt es inne, schnappte plötzlich ein.Hopla!
Und nun, wohl in Ermangelung von Äpfeln,Begann es Sägemehl aus sich zu tröpfeln.„Mensch,“ rief es, „der du Tiere quälen kannst,Auf! Springe über meinen Lederwanst.Hopla!“
Er sprang bereits, wie ihn die Formel bannte,Er sprang und fiel, erhob sich wieder, rannteUnd sprang und rannte, sprang und sprang und sprang,Wohl stunden-, tage-, wochen-, jahrelang.Hopla! Hopla! Hopla! Hopla!
Bis plötzlich unter ihm das Pferd zerkrachte.Da brach er auch zusammen, und erwachte.Indem er schwur, nie wieder nachts zu picheln,Bemerkte er, gereizt durch fremdes Sticheln,Daß ihn, der doch sich täglich glatt rasierte,Ein langer Zwickelbart aus Roßhaar zierte.Ho!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Turngedicht am Pferd“, Fassung 2.566.974 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.