Antwort auf einen Brief des Malers Oskar Coester
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
42 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1928
ANTWORT AUF EINEN BRIEFDES MALERS OSKAR COESTER
Ein Wort auf das, was du gesprochen.Stütz guten Kopf in gute HandUnd laß dein Herz ans Weinglas pochen:
Heimat ist kein begrenztes Land.Auch wo man Muttersprache spricht,Ist Heimat nicht.Mich deucht, es will auch nichts besagen,Ob einer seine Heimat kennt.Denn Lüge ist, was auf BefragenDas Heimweh uns als Heimat nennt.
Ein schmutzig Loch kann rührend sich verkneifen,Und höchste Würde kann zur Blase reifen.
Stich fest in das Humorische!
Heimat? Wir alle finden keine,Oder – und allerhöchstens – eineImprovisatorische.Es kommt auch gar nicht darauf an. – –
Ich danke dir für den VergleichMit einem braven Reitersmann.Man tue möglichst, was man kann.
Coester, du bist von Gott aus reich.Schäum aus, was du zu schenken hast;Das Letzte wäre dir noch Last.Und warte frech, doch fromm auf Leiden.
Denn du wächst neben dem Jahrhundert.Du bist der größre von uns beiden.Ich habe dich so oft bewundert. –Wie kläglich ist es zu beneiden. –
Du wurdest leider mir von fernNoch lieber, als du warst im Nahen.Nun, da wir lange uns nicht sahen,Bild ich mir ein: Du hast mich gern.Ach bitte komme bald zurückMit offnem, unverwitzeltem Vertraun.
Ich wünsche dir fürs neue Jahr viel Glück,Eine Frau (zur Hochzeit mich einladend)Und andre große NebenfraunUnd was du sonstens wichtig brauchst.Daß du nie was anders, als wie badend,Auch für Minuten nur untertauchst.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 24–25, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Antwort auf einen Brief des Malers Oskar Coester“, Fassung 3.026.767 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.