Auf hohem Gerüste
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Auf hohem Gerüst am TurmeDa steht ein Mann alleinUnd zwingt im tobenden SturmeMit ehernem Werkzeug den Stein.
Er schwingt den kalten HammerUnd stöhnt dazwischen rauh –Zu Hause in dumpfiger KammerLiegt eine kranke Frau.
Viel Jahre sind verronnen.Er hat mit Fleiß geschafftUnd hat doch nichts gewonnen,Verloren Mut und Kraft.
Auch jetzt im SturmestobenEr seines Unglücks denkt,Als hoch vom Dach er obenDen Blick zur Erde lenkt.
Ja, springst du jetzt hinunter.Dann bist du sicher tot’Und liegst du unten zerschmettert,Dann fühlst du nicht mehr die Not.
Wie oft in schwindelnder HöheStand so er ganz verzagt,In bitterer VerzweiflungHat er sich stets gesagt:
Ja, springst du jetzt hinunter,Dann bist du sicher tot,Doch liegst du unten zerschmettert –Hat Weib und Kind kein Brot.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 51–52, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Auf hohem Gerüste“, Fassung 2.543.126 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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