Der Kaiser von China spricht
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
41 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
In der Mitte aller DingeWohne Ich, der Sohn des Himmels.Meine Frauen, meine Bäume,Meine Tiere, meine TeicheSchließt die erste Mauer ein.Drunten liegen meine Ahnen:Aufgebahrt mit ihren Waffen,Ihre Kronen auf den Häuptern,Wie es einem jeden ziemt,Wohnen sie in den Gewölben.Bis ins Herz der Welt hinunterDröhnt das Schreiten meiner Hoheit.Stumm von meinen Rasenbänken,Grünen Schemeln meiner Füße,Gehen gleichgeteilte StrömeOsten-, west- und süd- und nordwärts,Meinen Garten zu bewässern,Der die weite Erde ist.Spiegeln hier die dunkeln Augen,Bunten Schwingen meiner Tiere,Spiegeln draußen bunte Städte,Dunkle Mauern, dichte WälderUnd Gesichter vieler Völker.Meine Edlen, wie die Sterne,Wohnen rings um mich, sie habenNamen, die ich ihnen gab,Namen nach der einen Stunde,Da mir einer näher kam,Frauen, die ich ihnen schenkte,Und den Scharen ihrer Kinder,Allen Edlen dieser ErdeSchuf ich Augen, Wuchs und Lippen,Wie der Gärtner an den Blumen.Aber zwischen äußern MauernWohnen Völker meine Krieger,Völker meine Ackerbauer.Neue Mauern und dann wiederJene unterworfnen Völker,Völker immer dumpfern Blutes,Bis ans Meer, die letzte Mauer,Die mein Reich und mich umgibt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S.47–48, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Kaiser von China spricht“, Fassung 3.434.564 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.