Erlebnis
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
32 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
Mit silbergrauem Dufte war das TalDer Dämmerung erfüllt, wie wenn der MondDurch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.Mit silbergrauem Duft des dunklen TalesVerschwammen meine dämmernden Gedanken,Und still versank ich in dem webenden,Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.Wie wunderbare Blumen waren da,Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,Durch das ein gelbrot Licht wie von TopasenIn warmen Strömen drang und glomm. Das GanzeWar angefüllt mit einem tiefen SchwellenSchwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es:Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,Verwandt der tiefsten Schwermut.Aber Seltsam!Ein namenloses Heimweh weinte lautlosIn meiner Seele nach dem Leben, weinte,Wie einer weint, wenn er auf großem SeeschiffMit gelben Riesensegeln gegen AbendAuf dunkelblauem Wasser an der Stadt,Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht erDie Gassen, hört die Brunnen rauschen, riechtDen Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,Die ängstlich sind und weinen wollen, siehtDurchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer -Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitendMit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 9–10, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Erlebnis“, Fassung 3.543.503 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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