Ein Knabe
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
26 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1922
ILang kannte er die Muscheln nicht für schön:Er war zu sehr aus einer Welt mit ihnen;Der Duft der Hyazinthen war ihm nichtsUnd nichts das Spiegelbild der eigenen Mienen.
Doch alle seine Tage waren soGeöffnet wie ein leierförmig Tal,Darin er Herr zugleich und Knecht zugleichDes weißen Lebens war und ohne Wahl.
Wie einer, der noch tut, was ihm nicht ziemt,Doch nicht für lange, ging er auf den Wegen:Der Heimkehr und unendlichem GesprächHob seine Seele ruhig sich entgegen.
IIEh er gebändigt war für sein Geschick,Trank er viel Flut, die bitter war und schwer.Dann richtete er sonderbar sich aufUnd stand am Ufer seltsam leicht und leer.
Zu seinen Füßen rollten Muscheln hin,Und Hyazinthen hatte er im Haar,Und ihre Schönheit wußte er, und auch,Daß dies der Trost des schönen Lebens war.
Doch mit unsicherm Lächeln ließ er sieBald wieder fallen, denn ein großer BlickAuf diese schönen Kerker zeigte ihmDas eigne unbegreifliche Geschick.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 41, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein Knabe (I–II)“, Fassung 3.688.217 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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