Botschaft
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
32 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
Ich habe mich bedacht, daß schönste TageNur jene heißen dürfen, da wir redendDie Landschaft uns vor Augen in ein ReichDer Seele wandelten; da hügelanDem Schatten zu wir stiegen in den Hain,Der uns umfing wie schon einmal Erlebtes,Da wir auf abgetrennten Wiesen stillDen Traum vom Leben niegeahnter Wesen,Ja ihres Gehns und Trinkens Spuren fandenUnd überm Teich ein gleitendes Gespräch,Noch tiefere Wölbung spiegelnd als der Himmel:Ich habe mich bedacht auf solche Tage,Und daß nächst diesen drei: gesund zu sein,Am eignen Leib und Leben sich zu freuen,Und an Gedanken, Flügeln junger Adler,Nur eines frommt: gesellig sein mit Freunden.So will ich, daß du kommst und mit mir trinkstAus jenen Krügen, die mein Erbe sind,Geschmückt mit Laubwerk und beschwingten Kindern,Und mit mir sitzest in dem Gartenturm:Zwei Jünglinge bewachen seine Tür,In deren Köpfen mit gedämpftem BlickHalbabgewandt ein ungeheuresGeschick dich steinern anschaut, daß du schweigstUnd meine Landschaft hingebreitet siehst:Daß dann vielleicht ein Vers von dir sie mirVeredelt künftig in der EinsamkeitUnd da und dort Erinnerung an dichEin Schatten nistet und zur DämmerungDie Straße zwischen dunklen Wipfeln rolltUnd schattenlose Wege in der LuftDahinrolln wie ein ferner goldner Donner.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 24–25, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Botschaft (Hugo von Hofmannsthal)“, Fassung 3.026.760 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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