Im süßen Traum, bei stiller Nacht
Heinrich Heine · 1797–1856
59 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Da kam zu mir, mit Zauberpracht,Die lang ersehnte Liebste mein,Und goß mir Gluth in’s Herz hinein.
Und wie ich schau’, erglüh ich wildUnd wie ich schau, sie lächelt mild,Und lächelt bis das Herz mir schwoll,Und stürmisch kühn das Wort entquoll:
„Nimm hin, nimm alles was da mein,Mein Liebstes will ich gern dir weih’n,Dürft’ ich dafür dein Buhle seyn,Von Mitternacht bis Hahnenschrei’n.“
Da staunt’ mich an gar seltsamlich,So lieb, so weh, und inniglich,Und sprach zu mir die schöne Maid:So gieb mir deine Seligkeit.
„Mein Leben süß, mein junges Blut,Gäb’ ich, mit Freud und wohlgemuth,Für dich, o Mädchen engelgleich, –Doch nimmermehr das Himmelreich.“
Wohl braust hervor mein rasches Wort,Doch blühet schöner immerfort,Und immer spricht die schöne Maid:O gieb mir deine Seligkeit!
Dumpf dröhnt dieß Wort mir in’s Gehör,Und schleudert mir ein GluthenmeerWohl in den tiefsten Seelenraum;Ich athme schwer, ich athme kaum. –
Das waren weiße Engelein,Die glänzten hell im Rosenschein;Nun aber stürmte wild heraufEin gräulich schwarzer Koboldhauf’.
Die rangen mit den Engelein,Und drängten fort die Engelein;Und endlich auch die schwarze SchaarIn Nebelduft zerronnen war. –
Ich aber wollt’ in Lust vergehn,Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;Wie’n Rehlein süß umschmiegt sie mich,Doch weint sie auch recht bitterlich.
Feins Liebchen weint; ich weiß warum,Und küß’ ihr Rosenmündlein stumm –„O still’, feins Lieb, die Thränenfluth,Gieb her, feins Liebchen nur Minnegluth.“
„Ergieb dich meiner Minnegluth –“Da plötzlich starr’t zu Eis mein Blut;Laut bebet auf der Erde Grund,Und öffnet gähnend seinen Schlund.
Und aus dem Abgrund schwarz und grausStieg wild die schwarze Schaar heraus.Aus meinen Armen schwand feins Lieb;Ich ganz alleine stehen blieb.
Da tanzt im Kreise wunderbar,Um mich herum, die schwarze Schaar,Und drängt heran, erfaßt mich bald,Und gellend Hohngelächter schallt.
Und immer enger wird der Kreis,Und immer summt die Schauerweis’:Du gabest hin die Seligkeit,Gehörst uns nun in Ewigkeit!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Junge Leiden, Traumbilder, S. 16–19, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im süßen Traum, bei stiller Nacht“, Fassung 3.811.214 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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