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Versbuch

Sonnenuntergang

Heinrich Heine · 17971856

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Die glühend rothe Sonne steigtHinab in’s weitaufschauernde,Silbergraue Weltmeer;Luftgebilde, rosig angehaucht,Wallen ihr nach, und gegenüber,Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleiern,Ein traurig todtblasses Antlitz,Bricht hervor der Mond,Und hinter ihm, Lichtfünkchen,Nebelweit, schimmern die Sterne.

Einst am Himmel glänzten,Ehlich vereint,Luna, die Göttin, und Sol, der Gott,Und es wimmelten um sie her die Sterne,Die kleinen, unschuldigen Kinder.

Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt,Und es trennte sich feindlichDas hohe, leuchtende Eh’paar.

Jetzt am Tage, in einsamer Pracht,Ergeht sich dort oben der Sonnengott,Ob seiner HerrlichkeitAngebetet und vielbesungenVon stolzen, glückgehärteten Menschen.Aber des NachtsAm Himmel wandelt Luna,Die arme MutterMit ihren verwaisten Sternenkindern,Und sie glänzt in stummer Wehmuth,Und liebende Mädchen und sanfte DichterWeihen ihr Thränen und Lieder.

Die weiche Luna! Weiblich gesinntLiebt sie noch immer den schönen Gemahl.Gegen Abend, zitternd und bleich,Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk,Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich,Und möchte ihm ängstlich rufen: „Komm!Komm! die Kinder verlangen nach Dir –“Aber der trotzige Sonnengott,Bei dem Anblick der Gattin erglüht’ erIn doppeltem Purpur,Vor Zorn und Schmerz,Und unerbittlich eilt er hinabIn sein fluthenkaltes Wittwerbett.

* * *Böse, zischelnde ZungenBrachten also Schmerz und VerderbenSelbst über ewige Götter.Und die armen Götter, oben am HimmelWandeln sie, qualvoll,Trostlos unendliche Bahnen,Und können nicht sterben,Und schleppen mit sichIhr strahlendes Elend.

Ich aber, der Mensch,Der niedriggepflanzte, der Tod-beglückte,Ich klage nicht länger.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 313–315, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Sonnenuntergang“, Fassung 3.778.776 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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