Spanische Atriden
Heinrich Heine · 1797–1856
288 Zeilen in 72 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Am Hubertustag des JahresDreizehnhundert drei und achtzig,Gab der König uns ein GastmahlZu Segovia im Schlosse.
Hofgastmähler sind dieselbenUeberall, es gähnt dieselbeSouveraine LangeweileAn der Tafel aller Fürsten.
Prunkgeschirr von Gold und Silber,Leckerbissen aller Zonen,Und derselbe Bleigeschmack,Mahnend an Lokustes Küche.
Auch derselbe seidne Pöbel,Buntgeputzt und vornehm nickend,Wie ein Beet von Tulipanen;Nur die Saucen sind verschieden.
Und das ist ein Wispern, Sumsen,Das wie Mohn den Sinn einschläfert,Bis Trompetenstöße weckenAus der kauenden Betäubniß.
Neben mir, zum Glücke, saßDon Diego Albuquerque,Dem die Rede unterhaltsamVon den klugen Lippen floß.
Ganz vorzüglich gut erzählteEr die blut’gen HofgeschichtenAus den Tagen des Don Pedro,Den man „König Grausam“ nannte.
Als ich frug, warum Don PedroSeinen Bruder Don FredregoIns Geheim enthaupten ließ,Sprach mein Tischgenosse seufzend:
Sennor! glaubt nicht was sie klimpernAuf den schlottrigen Guitarren,Bänkelsänger, Maulthiertreiber,In Posaden, Kneiben, Schenken.
Glaubet nimmer, was sie faselnVon der Liebe Don Fredrego’sUnd Don Pedro’s schöner Gattin,Donna Blanka von Bourbon.
Nicht der Eifersucht des Gatten,Nur der Mißgunst eines Neidhardts,Fiel als Opfer Don Fredrego,Calatrava’s Ordensmeister.
Das Verbrechen, das Don PedroNicht verzieh, das war sein Ruhm,Jener Ruhm, den Donna FamaMit Entzücken ausposaunte.
Auch verzieh ihm nicht Don PedroSeiner Seele HochgefühleUnd die Wohlgestalt des Leibes,Die ein Abbild solcher Seele.
Blühend blieb mir im GedächtnißDiese schlanke Heldenblume;Nie vergeß ich dieses schöneTräumerische Jünglingsantlitz.
Das war eben jene Sorte,Die geliebt wird von den Feen,Und ein märchenhaft GeheimnißSprach aus allen diesen Zügen.
Blaue Augen, deren SchmelzBlendend wie ein Edelstein, –Aber auch der stieren HärteEines Edelsteins theilhaftig.
Seine Haare waren schwarz,Bläulich schwarz, von seltnem Glanze,Und in üppig schönen LockenAuf die Schulter niederfallend.
In der schönen Stadt Coimbra,Die er abgewann den Mohren,Sah ich ihn zum letzten MaleLebend – unglücksel’ger Prinz!
Eben kam er vom Alkanzor,Durch die engen Straßen reitend;Manche junge Mohrin lauschteHinter’m Gitter ihres Fensters.
Seines Hauptes Helmbusch weh’teFrei galant, jedoch des MantelsStrenges Calatrava-KreuzScheuchte jeden Buhlgedanken.
Ihm zur Seite, freudewedelnd,Sprang sein Liebling, Allan hieß er,Eine Bestie stolzer Race,Deren Heimath die Sierra.
Trotz der ungeheuern GrößeWar er wie ein Reh gelenkig,Nobel war des Kopfes Bildung,Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.
Schneeweiß und so weich wie SeideFlockten lang herab die Haare;Mit Rubinen inkrustiretWar das breite goldne Halsband.
Dieses Halsband, sagt man, bargEinen Talisman der Treue;Niemals wich er von der SeiteSeines Herrn, der treue Hund.
O, der schauerlichen Treue!Mir erbebet das Gemüthe,Denk ich dran, wie sie sich hierOffenbart vor unsern Augen.
O, des schreckenvollen Tages!Hier in diesem Saale war es,Und wie heute saß ich hierAn der königlichen Tafel.
An dem obern Tafelende,Dort, wo heute Don HenricoFröhlich bechert mit der BlumeCastilian’scher Ritterschaft –
Jenes Tag’s saß dort Don PedroFinster stumm, und neben ihm,Strahlend stolz wie eine Göttin,Saß Maria de Padilla.
Hier am untern End der Tafel,Wo wir heut’ die Dame sehen,Deren große Linnen-KrauseWie ein weißer Teller aussieht –
Während ihr vergilbt GesichtchenMit dem säuerlichen LächelnDer Citrone gleichet, welcheAuf besagtem Teller ruht:
Hier am untern End der TafelWar ein leerer Platz geblieben;Eines Gast’s von hohem RangeSchien der goldne Stuhl zu harren.
Don Fredrego war der Gast,Dem der goldne Stuhl bestimmt war –Doch er kam nicht – ach, wir wissenJetzt den Grund der Zögerung.
Ach, zur selben Stunde wurdeSie vollbracht, die dunkle Unthat,Und der arglos junge HeldWurde von Don Pedro’s Schergen
Hinterlistig überfallenUnd gebunden fortgeschlepptIn ein ödes Schloßgewölbe,Nur von Fackelschein beleuchtet.
Dorten standen Henkersknechte,Dorten stand der rothe Meister,Der gestützt auf seinem Richtbeil,Mit schwermüth’ger Miene sprach:
Jetzt, Großmeister von San Jago,Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,Eine Viertelstunde seiEuch bewilligt zum Gebete.
Don Fredrego kniete nieder,Betete mit frommer Ruhe,Sprach sodann: ich hab’ vollendet,Und empfing den Todesstreich.
In demselben Augenblicke,Als der Kopf zu Boden rollte,Sprang drauf zu der treue Allan,Welcher unbemerkt gefolgt war.
Er erfaßte, mit den Zähnen,Bei dem Lockenhaar das Haupt,Und mit dieser theuern BeuteSchoß er zauberschnell von dannen.
Jammer und Geschrei erschollUeberall auf seinem Wege,Durch die Gänge und Gemächer,Treppen auf und Treppen ab.
Seit dem Gastmahl des BelsazarGab es keine Tischgesellschaft,Welche so verstöret aussahWie die unsre in dem Saale,
Als das Ungethüm hereinsprangMit dem Haupte Don Fredrego’s,Das er mit den Zähnen schleppteAn den träufend blut’gen Haaren.
Auf den leer gebliebnen Stuhl,Welcher seinem Herrn bestimmt war,Sprang der Hund und, wie ein Kläger,Hielt er uns das Haupt entgegen.
Ach, es war das wohlbekannteHelden-Antlitz, aber blässer,Aber ernster, durch den Tod,Und umringelt gar entsetzlich
Von der Fülle schwarzer Locken,Die sich bäumten wie der wildeSchlangen-Kopfputz der Meduse,Auch wie dieser schreckversteinernd.
Ja, wir waren wie versteinert,Sahn uns an mit starrer MieneUnd gelähmt war jede ZungeVon der Angst und Etiquette.
Nur Maria de PadillaBrach das allgemeine Schweigen;Händeringend, laut aufschluchzend,Jammerte sie ahndungsvoll:
„Heißen wird es jetzt, ich hätteAngestiftet solche Mordthat,Und der Groll trifft meine Kinder,Meine schuldlos armen Kinder!“
Don Diego unterbrach hierSeine Rede, denn wir sahen,Daß die Tafel aufgehobenUnd der Hof den Saal verlassen.
Höfisch fein von Sitten, gabMir der Ritter das Geleite,Und wir wandelten selbanderDurch das alte Gothenschloß.
In dem Kreuzgang, welcher leitetNach des Königs Hundeställen,Die durch Knurren und GekläffeSchon von fernher sich verkünd’gen,
Dorten sah ich, in der WandEingemauert und nach außenFest mit Eisenwerk vergattert,Eine Zelle wie ein Käfig.
Menschliche Gestalten zwoSaßen drin, zwei junge Knaben;Angefesselt bei den Beinen,Hockten sie auf fauler Streu.
Kaum zwölfjährig schien der Eine,Wenig älter war der Andre;Die Gesichter schön und edel,Aber fahl und welk von Siechthum.
Waren ganz zerlumpt, fast nackendUnd die magern Leibchen trugenWunde Spuren der Mißhandlung;Beide schüttelte das Fieber.
Aus der Tiefe ihres ElendsSchauten sie zu mir empor,Wie mit weißen Geisteraugen,Daß ich schier darob erschrocken.
Wer sind diese Jammerbilder?Rief ich aus, indem ich hastigDon Diego’s Hand ergriff,Die gezittert, wie ich fühlte.
Don Diego schien verlegen,Sah sich um, ob Niemand lausche,Seufzte tief und sprach am Ende,Heitern Weltmannston erkünstelnd:
Dieses sind zwei Königskinder,Früh verwaiset, König PedroHieß der Vater, und die MutterWar Maria de Padilla.
Nach der großen Schlacht bei Narvas,Wo Henrico TranstamareSeinen Bruder, König Pedro,Von der großen Last der Krone
Und zugleich von jener größernLast, die Leben heißt, befreite:Da traf auch die Bruders-KinderDon Henrico’s Siegergroßmuth.
Hat sich ihrer angenommen,Wie es einem Oheim ziemet,Und im eigenen Schlosse gab erIhnen freie Kost und Wohnung.
Enge freilich ist das Stübchen,Das er ihnen angewiesen,Doch im Sommer ist es kühlig,Und nicht gar zu kalt im Winter.
Ihre Speis’ ist Roggenbrod,Das so schmackhaft ist, als hätt’ esGöttin Ceres selbst gebackenFür ihr liebes Proserpinchen.
Manchmal schickt er ihnen auchEine Kumpe mit Garbanzos,Und die Jungen merken dann,Daß es Sonntag ist in Spanien.
Doch nicht immer ist es Sonntag,Und nicht immer giebt’s Garbanzos,Und der OberkoppelmeisterRegalirt sie mit der Peitsche.
Denn der Oberkoppelmeister,Der die Ställe mit der Meute,Sowie auch den NeffenkäfigUnter seiner Aufsicht hat,
Ist der unglücksel’ge GatteJener sauren CitronellaMit der weißen Tellerkrause,Die wir heut’ bei Tisch bewundert,
Und sie keift so frech, daß oftIhr Gemahl zur Peitsche greift –Und hierher eilt und die HundeUnd die armen Knaben züchtigt.
Doch der König hat mißbilligtSolch Verfahren und befahl,Daß man künftig seine NeffenNicht behandle wie die Hunde.
Keiner fremden MithlingsfaustWird er ferner anvertrauenIhre Zucht, die er hinführoEigenhändig leiten will.
Don Diego stockte plötzlich,Denn der Seneschall des SchlossesKam zu uns und frug unsHöflich: ob wir wohlgespeist? – –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Seite 127–141, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Spanische Atriden“, Fassung 2.206.085 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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