Disputation
Heinrich Heine · 1797–1856
440 Zeilen in 110 Strophen · zuerst gedruckt 1851
In der Aula zu ToledoKlingen schmetternd die Fanfaren;Zu dem geistlichen TurneiWallt das Volk in bunten Schaaren.
Das ist nicht ein weltlich Stechen,Keine Eisenwaffe blitzet –Eine Lanze ist das Wort,Das scholastisch scharf gespitzet.
Nicht galante PaladinsFechten hier, nicht Damendiener –Dieses Kampfes Ritter sindKapuziner und Rabbiner.
Statt des Helmes tragen sieSchabbesdeckel und Kapuzen;Scapulier und ArbekanfeßSind der Harnisch, drob sie trutzen.
Welches ist der wahre Gott?Ist es der Hebräer starrerGroßer Eingott, dessen KämpeRabbi Juda, der Navarrer?
Oder ist es der dreifalt’geLiebegott der Christianer,Dessen Kämpe Frater Jose,Gardian der Franziskaner?
Durch die Macht der Argumente,Durch der Logik KettenschlüsseUnd Citate von Autoren,Die man anerkennen müsse,
Will ein jeder Kämpe seinenGegner ad absurdum führenUnd die wahre GöttlichkeitSeines Gottes demonstriren.
Festgestellt ist: daß derjen’ge,Der im Streit ward überwunden,Seines Gegners ReligionAnzunehmen sei verbunden,
Daß der Jude sich der TaufeHeil’gem Sacramente füge,Und im Gegentheil der ChristDer Beschneidung unterliege.
Jedem von den beiden KämpenBeigesellt sind elf Genossen,Die zu theilen sein GeschickSind in Freud und Leid entschlossen.
Glaubenssicher sind die MöncheVon des Gardians Geleitschaft,Halten schon WeihwasserkübelFür die Taufe in Bereitschaft,
Schwingen schon die SprengelbesenUnd die blanken Räucherfässer –Ihre Gegner unterdessenWetzen die Beschneidungsmesser.
Beide Rotten stehn schlagfertigVor den Schranken in dem Saale,Und das Volk mit UngeduldHarret drängend der Signale.
Unterm güldnen BaldachinUnd umrauscht vom HofgesindeSitzt der König und die Kön’gin;Diese gleichet einem Kinde.
Ein französisch stumpfes Näschen,Schalkheit kichert in den Mienen,Doch bezaubernd sind des MundesImmer lächelnde Rubinen.
Schöne, flatterhafte Blume –Daß sich ihrer Gott erbarme –Von dem heitern Seine-UferWurde sie verpflanzt, die arme,
Hierher in den steifen BodenDer hispanischen Grandezza;Weiland hieß sie Blanch’ de Bourbon,Donna Blanka heißt sie jetzo.
Pedro wird genannt der König,Mit dem Zusatz der Grausame;Aber heute, milden Sinnes,Ist er besser als sein Name.
Unterhält sich gut gelauntMit des Hofes Edelleuten;Auch den Juden und den MohrenSagt er viele Artigkeiten.
Diese Ritter ohne VorhautSind des Königs Lieblingsschranzen,Sie befehl’gen seine Heere,Sie verwalten die Finanzen.
Aber plötzlich Paukenschläge,Und es melden die Trompeten,Daß begonnen hat der Maulkampf,Der Disput der zwei Athlethen.
Der Gardian der FranziskanerBricht hervor mit frommem Grimme;Polternd roh und widrig greinendIst abwechselnd seine Stimme.
In des Vaters und des SohnesUnd des heil’gen Geistes NamenExorziret er dem Rabbi,Jakob’s maledeiten Samen.
Denn bei solchen ControversenSind oft Teufelchen verborgenIn dem Juden, die mit Scharfsinn,Witz und Gründen ihn versorgen.
Nun die Teufel ausgetriebenDurch die Macht des Exorzismus,Kommt der Mönch auch zur Dogmatik,Kugelt ab den Katechismus.
Er erzählt, daß in der GottheitDrei Personen sind enthalten,Die jedoch zu einer einz’gen,Wenn es passend, sich gestalten –
Ein Mysterium, das nurVon Demjen’gen wird verstanden,Der entsprungen ist dem KerkerDer Vernunft und ihren Banden.
Er erzählt: wie Gott der HerrWard zu Bethlehem geborenVon der Jungfrau, welche niemalsIhre Jungferschaft verloren;
Wie der Herr der Welt gelegenIn der Krippe, und ein KühleinUnd ein Oechslein bei ihm stunden,Schier andächtig, zwei Rindviehlein.
Er erzählte: wie der HerrVor den Schergen des HerodesNach Aegypten floh, und späterLitt die herbe Pein des Todes
Unter Pontio Pilato,Der das Urtheil unterschrieben,Von den harten Pharisäern,Von den Juden angetrieben.
Er erzählte: wie der Herr,Der entstiegen seinem GrabeSchon am dritten Tag, gen HimmelSeinen Flug genommen habe;
Wie er aber, wenn es Zeit ist,Wiederkehren auf die ErdeUnd zu Josaphat die TodtenUnd Lebend’gen richten werde.
„Zittert, Juden!“ rief der Mönch,„Vor dem Gott, den ihr mit HiebenUnd mit Dornen habt gemartertDen ihr in den Tod getrieben,
„Seine Mörder, Volk der Rachsucht,Juden, das seid ihr gewesen –Immer meuchelt ihr den Heiland,Welcher kommt, euch zu erlösen.
„Judenvolk, du bist ein Aas,Worin hausen die Dämonen;Eure Leiber sind KasernenFür des Teufels Legionen.
„Thomas von Aquino sagt es,Den man nennt den großen OchsenDer Gelehrsamkeit, er istLicht und Lust der Orthodoxen.
„Judenvolk, ihr seid Hyänen,Wölfe, Schakals, die in GräbernWühlen, um der Todten Leichnam’Blutfraßgierig aufzustöbern.
„Juden, Juden, ihr seid Säue,Paviane, Nashornthiere,Die man nennt Rhinozerosse,Crocodile und Vampyre.
„Ihr seid Raben, Eulen, Uhus,Fledermäuse, Wiedehöpfe,Leichenhühner, Basilisken,Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.
„Ihr seid Vipern und Blindschleichen,Klapperschlangen, gift’ge Kröten,Ottern, Nattern – Christus wirdEu’r verfluchtes Haupt zertreten.
„Oder wollt ihr, Maledeiten,Eure armen Seelen retten?Aus der Bosheit SynagogeFlüchtet nach den frommen Stätten,
„Nach der Liebe lichtem Dome,Wo im benedeiten BeckenEuch der Quell der Gnade sprudelt –Drin sollt ihr die Köpfe stecken –
„Wascht dort ab den alten AdamUnd die Laster, die ihn schwärzen;Des verjährten Grolles Schimmel,Wascht ihn ab von euren Herzen!
„Hört ihr nicht des Heilands Stimme?Euren neuen Namen rief er –Lauset euch an Christi BrustVon der Sünde Ungeziefer!
„Unser Gott, der ist die Liebe,Und er gleichet einem Lamme;Um zu sühnen unsre SchuldStarb er an des Kreuzes Stamme.
„Unser Gott, der ist die Liebe,Jesus Christus ist sein Name;Seine Duldsamkeit und DemuthSuchen wir stets nachzuahmen.
„Deshalb sind wir auch so sanft,So leutselig, ruhig, milde,Hadern niemals, nach des Lammes,Des Versöhners, Musterbilde.
„Einst im Himmel werden wirGanz verklärt zu frommen Englein,Und wir wandeln dort gottselig,In den Händen Lilienstenglein.
„Statt der groben Kutten tragenWir die reinlichsten GewänderVon Moußlin, Brokat und Seide,Goldne Troddeln, bunte Bänder.
„Keine Glatze mehr! GoldlockenFlattern dort um unsre Köpfe;Allerliebste Jungfraun flechtenUns das Haar in hübsche Zöpfe.
„Weinpokale wird es drobenVon viel weiterm Umfang geben,Als die Becher sind hier unten,Worin schäumt der Saft der Reben.
„Doch im Gegentheil viel engerAls ein Weibermund hienieden,Wird das Frauenmündchen sein,Das dort oben uns beschieden.
„Trinkend, küssend, lachend wollenWir die Ewigkeit verbringen,Und verzückt Halleluja,Kyrie Eleyson singen.“
Also schloß der Christ. Die MönchleinGlaubten schon, Erleuchtung träteIn die Herzen, und sie schlepptenFlink herbei das Taufgeräthe.
Doch die wasserscheuen JudenSchütteln sich und grinsen schnöde.Rabbi Juda, der Navarrer,Hub jetzt an die Gegenrede:
„Um für deine Saat zu düngenMeines Geistes dürren Acker,Mit Mistkarren voll SchimpfwörterHast du mich beschmissen wacker.
„So folgt Jeder der Methode,Dran er nun einmal gewöhnet,Und anstatt dich drob zu schelten,Sag’ ich Dank dir, wohlversöhnet.
„Die DreieinigkeitsdoktrinKann für unsre Leut nicht passen,Die mit Regula-de-triSich von Jugend auf befassen.
„Daß in deinem Gotte drei,Drei Personen sind enthaltenIst bescheiden noch, sechstausendGötter gab es bei den Alten.
„Unbekannt ist mir der Gott,Den ihr Christum pflegt zu nennen;Seine Jungfer Mutter gleichfallsHab ich nicht die Ehr zu kennen.
„Ich bedaure, daß er einst,Vor etwa zwölfhundert Jahren,Ein’ge UnannehmlichkeitenZu Jerusalem erfahren.
„Ob die Juden ihn getödtet,Das ist schwer jetzt zu erkunden,Da ja das Corpus DelictiSchon am dritten Tag verschwunden.
„Daß er ein Verwandter seiUnsres Gottes, ist nicht minderZweifelhaft; so viel wir wissenHat der letztre keine Kinder.
„Unser Gott ist nicht gestorbenAls ein armes LämmerschwänzchenFür die Menschheit, ist kein süßesPhilantröpfchen, Faselhänschen.
„Unser Gott ist nicht die Liebe;Schnäbeln ist nicht seine Sache,Denn er ist ein DonnergottUnd er ist ein Gott der Rache.
„Seines Zornes Blitze treffenUnerbittlich jeden Sünder,Und des Vaters Schulden büßenOft die späten Enkelkinder.
„Unser Gott, der ist lebendigUnd in seiner HimmelshalleExistiret er drauf losDurch die Ewigkeiten alle.
„Unser Gott, und der ist auchEin gesunder Gott, kein MythosBleich und dünne wie OblatenOder Schatten am Cocythos.
„Unser Gott ist stark. In HändenTrägt er Sonne, Mond, Gestirne;Throne brechen, Völker schwinden,Wenn er runzelt seine Stirne.
„Und er ist ein großer Gott.David singt: Ermessen ließeSich die Größe nicht, die ErdeSei der Schemel seiner Füße.
„Unser Gott liebt die Musik,Saitenspiel und Festgesänge;Doch wie Ferkelgrunzen sindIhm zuwider Glockenklänge.
„Leviathan heißt der Fisch,Welcher haust im Meeresgrunde;Mit ihm spielet Gott der HerrAlle Tage eine Stunde –
„Ausgenommen an dem neuntenTag des Monats Ab, wo nämlichEingeäschert ward sein Tempel;An dem Tag ist er zu grämlich.
„Des Leviathan’s Länge istHundert Meilen, hat FloßfedernGroß wie König Ok von Basan,Und sein Schwanz ist wie ein Cedern.
„Doch sein Fleisch ist delicat,Delicater als Schildkröten,Und am Tag der AuferstehungWird der Herr zu Tische beten
„Alle frommen Auserwählten,Die Gerechten und die Weisen –Unsres Herrgotts LieblingsfischWerden sie alsdann verspeisen,
„Theils mit weißer Knoblauchbrühe,Theils auch braun in Wein gesotten,Mit Gewürzen und Rosinen,Ungefähr wie Matelotten.
„In der weißen KnoblauchbrüheSchwimmen kleine Schäbchen Rettig –So bereitet, Frater Jose,Mundet dir das Fischlein, wett’ ich!
„Auch die braune ist so lecker,Nämlich die Rosinensauce,Sie wird himmlisch wohl behagenDeinem Bäuchlein, Frater Jose.
„Was Gott kocht, ist gut gekocht!Mönchlein, nimm jetzt meinen Rath an,Opfre hin die alte VorhautUnd erquick’ dich am Leviathan.“
Also lockend sprach der Rabbi,Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd,Und die Juden schwangen schonIhre Messer wonnegrunzelnd,
Um als Sieger zu skalpirenDie verfallenen Vorhäute,Wahre spolia opimaIn dem wunderlichen Streite.
Doch die Mönche hielten festAn dem väterlichen GlaubenUnd an ihrer Vorhaut, ließenSich derselben nicht berauben.
Nach dem Juden sprach aufs neueDer katholische Bekehrer;Wieder schimpft er, jedes WortIst ein Nachttopf, und kein leerer.
Darauf replicirt der RabbiMit zurückgehaltnem Eifer;Wie sein Herz auch überkocht,Doch verschluckt er seinen Geifer.
Er beruft sich auf die Mischna,Commentare und Tractate,Bringt auch aus dem Tausves-JontofViel beweisende Citate.
Aber welche BlasphemieMußt er von dem Mönche hören!Dieser sprach: der Tausves-JontofMöge sich zum Teufel scheren.
„Da hört alles auf, o Gott!“Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich;Und es reißt ihm die Geduld,Rappelköpfig wird er plötzlich.
„Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof,Was soll gelten? Zeter! Zeter!Räche, Herr, die Missethat,Strafe, Herr, den Uebelthäter!
„Denn der Tausves-Jontof, Gott,Das bist du! Und an dem frechenTausvesjontof-Läugner mußt duDeines Namens Ehre rächen.
„Laß den Abgrund ihn verschlingen,Wie des Kora böse Rotte,Die sich wider dich empörtDurch Emeute und Complotte.
„Donnre deinen besten Donner!Strafe, o mein Gott, den Frevel –Hattest du doch zu SodomaUnd Gomorrha Pech und Schwefel!
„Treffe, Herr, die Kapuziner,Wie du Pharaon getroffen,Der uns nachgesetzt, als wirWohl bepackt davon geloffen.
„Hunderttausend Ritter folgtenDiesem König von Mizrayim,Stahlbepanzert, blanke SchwerterIn den schrecklichen Jadayim.
„Gott! da hast du ausgestrecktDeine Jad, und sammt dem HeereWard ertränkt, wie junge Katzen,Pharao im rothen Meere.
„Treffe, Herr, die Kapuziner,Zeige den infamen Schuften,Daß die Blitze deines ZornsNicht verrauchten und verpufften.
„Deines Sieges Ruhm und PreisWill ich singen dann und sagen,Und dabei, wie Mirjam thatTanzen und die Pauke schlagen.“
In die Rede grimmig fielJetzt der Mönch dem Zornentflammten:„Mag dich selbst der Herr verderben,Dich Verfluchten und Verdammten!
„Trotzen kann ich deinen Teufeln,Deinem schmutz’gen Fliegengotte,Luzifer und BelzebubeBelial und Astarothe.
„Trotzen kann ich deinen Geistern,Deinen dunkeln Höllenpossen,Denn in mir ist Jesus Christus,Habe seinen Leib genossen.
„Christus ist mein Leibgericht,Schmeckt viel besser als LeviathanMit der weißen Knoblauchsauce,Die vielleicht gekocht der Satan.
„Ach! anstatt zu disputiren,Lieber möcht’ ich schmoren, bratenAuf dem wärmsten ScheiterhaufenDich und deine Kameraden.“
Also tos’t in Schimpf und ErnstDas Turnei für Gott und Glauben,Doch die Kämpen ganz vergeblichKreischen, schelten, wüthen, schnauben.
Schon zwölf Stunden währt der Kampf,Dem kein End ist abzuschauen;Müde wird das PublicumUnd es schwitzen stark die Frauen.
Auch der Hof wird ungeduldig,Manche Zofe gähnt ein wenig.Zu der schönen KöniginWendet fragend sich der König:
Sagt mir, was ist Eure Meinung?Wer hat Recht von diesen Beiden?Wollt Ihr für den Rabbi EuchOder für den Mönch entscheiden?
Donna Blanka schaut ihn an,Und wie sinnend ihre HändeMit verschränkten Fingern drückt sieAn die Stirn und spricht am Ende:
Welcher Recht hat, weiß ich nicht –Doch es will mich schier bedünken,Daß der Rabbi und der Mönch,Daß sie alle beide stinken.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Drittes Buch: Hebräische Melodien. Seite 261-283, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Disputation (Heine)“, Fassung 1.061.202 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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