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Versbuch

Jehuda ben Halevy

Heinrich Heine · 17971856

901 Zeilen in 228 Strophen · zuerst gedruckt 1851

(Fragment.)I.

„Lechzend klebe mir die ZungeAn dem Gaumen, und es welkeMeine rechte Hand, vergäß’ ichJemals dein, Jerusalem –“

Wort und Weise, unaufhörlichSchwirren sie mir heut’ im Kopfe,Und mir ist, als hört’ ich Stimmen,Psalmodirend, Männerstimmen –

Manchmal kommen auch zum VorscheinBärte, schattig lange Bärte –Traumgestalten, wer von euchIst Jehuda ben Halevy?

Doch sie huschen rasch vorüber;Die Gespenster scheuen furchtsamDer Lebend’gen plumpen Zuspruch –Aber ihn hab’ ich erkannt –

Ich erkannt’ ihn an der bleichenUnd gedankenstolzen Stirne,An der Augen süßer Starrheit –Sah’n mich an so schmerzlich forschend –

Doch zumeist erkannt ich ihnAn dem räthselhaften LächelnJener schön gereimten Lippen,Die man nur bei Dichtern findet.

Jahre kommen und verfließen.Seit Jehuda ben HalevyWard geboren, sind verflossenSiebenhundert fünfzig Jahre –

Hat zuerst das Licht erblicktZu Toledo in Castilien,Und es hat der goldne TajoIhm sein Wiegenlied gelullet.

Für Entwicklung seines GeistesSorgte früh der strenge Vater,Der den Unterricht begannMit dem Gottesbuch, der Thora.

Diese las er mit dem SohneIn dem Urtext, dessen schöne,Hieroglyphisch pittoreske,Altcaldäische Quadratschrift

Herstammt aus dem KindesalterUnsrer Welt, und auch deswegenJedem kindlichen GemütheSo vertraut entgegenlacht.

Diesen echten alten TextRezitirte auch der KnabeIn der uralt hergebrachtenSingsang-Weise, Tropp geheißen –

Und er gurgelte gar lieblichJene fetten Gutturalen,Und er schlug dabei den Triller,Den Schalscheleth, wie ein Vogel.

Auch den Targum Onkelos,Der geschrieben ist in jenemPlattjudäischen Idiom,Das wir aramäisch nennen

Und zur Sprache der ProphetenSich verhalten mag etwaWie das Schwäbische zum Deutschen –Dieses Gelbveiglein-Hebräisch

Lernte gleichfalls früh der Knabe,Und es kam ihm solche KenntnißBald darauf sehr gut zu StattenBei dem Studium des Talmuds.

Ja, frühzeitig hat der VaterIhn geleitet zu dem Talmud,Und da hat er ihm erschlossenDie Halacha, diese große

Fechterschule, wo die bestenDialektischen AthletenBabylons und PumpedithasIhre Kämpferspiele trieben.

Lernen konnte hier der KnabeAlle Künste der Polemik;Seine Meisterschaft bezeugteSpäterhin das Buch Cosari.

Doch der Himmel gießt herunterZwei verschiedne Sorten Lichtes:Grelles Tageslicht der SonneUnd das mildre Mondlicht – Also,

Also leuchtet auch der TalmudZwiefach, und man theilt ihn einIn Halacha und Hagada.Erstre nannt’ ich eine Fechtschul’ –

Letztre aber, die Hagada,Will ich einen Garten nennen,Einen Garten, hochphantastischUnd vergleichbar jenem andern,

Welcher ebenfalls dem BodenBabylons entsprossen weiland –Garten der Semiramis,Achtes Wunderwerk der Welt.

Königin Semiramis,Die als Kind erzogen wordenVon den Vögeln, und gar mancheVögelthümlichkeit bewahrte,

Wollte nicht auf platter ErdePromeniren wie wir andernSäugethiere, und sie pflanzteEinen Garten in der Luft –

Hoch auf colossalen SäulenPrangten Palmen und Cypressen,Goldorangen, Blumenbeete,Marmorbilder, auch Springbrunnen,

Alles klug und fest verbundenDurch unzähl’ge Hänge-Brücken,Die wie Schlingepflanzen aussahnUnd worauf sich Vögel wiegten –

Große, bunte, ernste Vögel,Tiefe Denker, die nicht singen,Während sie umflattert kleinesZeisigvolk, das lustig trillert –

Alle athmen ein, beseligt,Einen reinen Balsamduft,Welcher unvermischt mit schnödemErdendunst und Mißgeruche.

Die Hagada ist ein GartenSolcher Luftkindgrillen-Art,Und der junge Talmudschüler,Wenn sein Herze war bestäubet

Und betäubet vom GezänkeDer Halacha, vom DisputeUeber das fatale Ei,Das ein Huhn gelegt am Festtag,

Oder über eine FrageGleicher Importanz – der KnabeFloh alsdann sich zu erfrischenIn die blühende Hagada,

Wo die schönen alten Sagen,Engelmährchen und Legenden,Stille Märtyrerhistorien,Festgesänge, Weisheitsprüche,

Auch Hyperbeln, gar possirlich,Alles aber glaubenskräftig,Glaubensglühend – O, das glänzte,Quoll und sproß so überschwenglich –

Und des Knaben edles HerzeWard ergriffen von der wilden,Abenteuerlichen Süße,Von der wundersamen Schmerzlust

Und den fabelhaften SchauernJener seligen Geheimwelt,Jener großen Offenbarung,Die wir nennen Poesie.

Auch die Kunst der Poesie,Heitres Wissen, holdes Können,Welches wir die Dichtkunst heißen,That sich auf dem Sinn des Knaben.

Und Jehuda ben HalevyWard nicht blos ein Schriftgelehrter,Sondern auch der Dichtkunst Meister,Sondern auch ein großer Dichter.

Ja, er ward ein großer Dichter,Stern und Fackel seiner Zeit,Seines Volkes Licht und Leuchte,Eine wunderbare, große

Feuersäule des Gesanges,Die der SchmerzenskarawaneIsraels vorangezogenIn der Wüste des Exils.

Rein und wahrhaft, sonder MakelWar sein Lied, wie seine Seele –Als der Schöpfer sie erschaffen,Diese Seele, selbstzufrieden

Küßte er die schöne Seele,Und des Kusses holder NachklangBebt in jedem Lied des Dichters,Das geweiht durch diese Gnade.

Wie im Leben, so im DichtenIst das höchste Gut die Gnade –Wer sie hat, der kann nicht sünd’gen,Nicht in Versen, noch in Prosa.

Solchen Dichter von der GnadeGottes nennen wir Genie:Unverantwortlicher KönigDes Gedankenreiches ist er.

Nur dem Gotte steht er Rede,Nicht dem Volke – In der Kunst,Wie im Leben kann das VolkTödten uns, doch niemals richten. –

II.

Bei den Wassern Babels saßenWir und weinten, unsre HarfenLehnten an den Trauerweiden –Kennst du noch das alte Lied?

Kennst du noch die alte Weise,Die im Anfang so elegischGreint und sumset, wie ein Kessel,Welcher auf dem Herde kocht?

Lange schon, jahrtausendlangeKocht’s in mir. Ein dunkles Wehe!Und die Zeit leckt meine Wunde,Wie der Hund die Schwären Hiob’s.

Dank dir, Hund, für deinen Speichel –Doch das kann nur kühlend lindern –Heilen kann mich nur der Tod,Aber, ach, ich bin unsterblich!

Jahre kommen und vergehen –In dem Webstuhl läuft geschäftigSchnurrend hin und her die Spule –Was er webt, das weiß kein Weber.

Jahre kommen und vergehen,Menschenthränen träufeln, rinnenAuf die Erde, und die ErdeSaugt sie ein mit stiller Gier –

Tolle Sud! Der Deckel springt –Heil dem Manne, dessen HandDeine junge Brut ergreifetUnd zerschmettert an der Felswand.

Gott sei Dank! die Sud verdampfetIn dem Kessel, der allmähligGanz verstummt. Es weicht mein Spleen,Mein westöstlich dunkler Spleen –

Auch mein Flügelrößlein wiehertWieder heiter, scheint den bösenNachtalp von sich abzuschütteln,Und die klugen Augen fragen:

Reiten wir zurück nach SpanienZu dem kleinen Talmudisten,Der ein großer Dichter worden,Zu Jehuda ben Halevy?

Ja, er ward ein großer Dichter,Absoluter TraumweltsherrscherMit der Geisterkönigskrone,Ein Poet von Gottes Gnade,

Der in heiligen Sirventen,Madrigalen und Terzinen,Canzonetten und GhaselenAusgegossen alle Flammen

Seiner gottgeküßten Seele!Wahrlich ebenbürtig warDieser Troubadour den bestenLautenschlägern der Provence,

Poitous und der Guienne,Roussillons und aller andernSüßen PomeranzenlandeDer galanten Christenheit.

Der galanten ChristenheitSüße Pomeranzenlande!Wie sie duften, glänzen, klingenIn dem Zwielicht der Erinnrung!

Schöne Nachtigallenwelt!Wo man statt des wahren GottesNur den falschen Gott der LiebeUnd der Musen angebeten.

Clerici mit RosenkränzenAuf der Glatze, sangen PsalmenIn der heitern Sprache d’oc;Und die Laien, edle Ritter,

Stolz auf hohen Rossen trabend,Spintisirten Vers und ReimeZur Verherrlichung der Dame,Der ihr Herze fröhlich diente.

Ohne Dame keine Minne,Und es war dem MinnesängerUnentbehrlich eine Dame,Wie dem Butterbrod die Butter.

Auch der Held, den wir besingen,Auch Jehuda ben HalevyHatte seine Herzensdame;Doch sie war besondrer Art.

Sie war keine Laura, derenAugen, sterbliche Gestirne,In dem Dome am CharfreitagDen berühmten Brand gestiftet –

Sie war keine Chatelaine,Die im Blüthenschmuck der JugendBei Turniren präsidirteUnd den Lorbeerkranz ertheilte –

Keine KußrechtscasuistinWar sie, keine Doctrinärrin,Die im SpruchcollegiumEines Minnehofs dozirte –

Jene, die der Rabbi liebte,War ein traurig armes Liebchen,Der Zerstörung Jammerbildniß,Und sie hieß Jerusalem.

Schon in frühen KindestagenWar sie seine ganze Liebe;Sein Gemüthe machte bebenSchon das Wort Jerusalem.

Purpurflamme auf der WangeStand der Knabe, und er horchteWenn ein Pilger nach ToledoKam aus fernem Morgenlande

Und erzählte: wie verödetUnd verunreint jetzt die Stätte,Wo am Boden noch die LichtspurVon dem Fuße der Propheten –

Wo die Luft noch balsamiretVon dem ew’gen Odem Gottes –O des Jammeranblicks! riefEinst ein Pilger, dessen Bart

Silberweiß hinabfloß, währendSich das Barthaar an der SpitzeWieder schwärzte und es aussah,Als ob sich der Bart verjünge –

Ein gar wunderlicher PilgerMocht’ es sein, die Augen lugtenWie aus tausendjähr’gem TrübsinnUnd er seufzt’: „Jerusalem!

„Sie, die volkreich heil’ge StadtIst zur Wüstenei geworden,Wo Waldteufel, Werwolf, SchakalIhr verruchtes Wesen treiben –

„Schlangen, Nachtgevögel nistenIm verwitterten Gemäuer;Aus des Fensters luft’gem BogenSchaut der Fuchs mit Wohlbehagen.

„Hier und da taucht auf zuweilenEin zerlumpter Knecht der Wüste,Der sein höckriges KameelIn dem hohen Grase weidet.

„Auf der edlen Höhe Zions,Wo die goldne Veste ragte,Deren Herrlichkeiten zeugtenVon der Pracht des großen Königs:

„Dort, von Unkraut überwuchert,Liegen nur noch graue Trümmer,Die uns ansehn schmerzhaft traurig,Daß man glauben muß, sie weinten.

„Und es heißt, sie weinten wirklichEinmal in dem Jahr, an jenemNeunten Tag des Monats Ab –Und mit thränend eignen Augen

„Schaute ich die dicken TropfenAus den großen Steinen sickern,Und ich hörte weheklagenDie gebrochnen Tempelsäulen.“ – –

Solche fromme PilgersagenWeckten in der jungen BrustDes Jehuda ben HalevySehnsucht nach Jerusalem.

Dichtersehnsucht! ahnend, träumendUnd fatal war sie, wie jene,Die auf seinem Schloß zu BlayeEinst empfand der edle Vidam,

Messer Geoffroi Rudello,Als die Ritter, die zurückAus dem Morgenlande kehrten,Laut beim Becherklang betheuert.

Ausbund aller Huld und Züchten,Perl’ und Blume aller Frauen,Sei die schöne Melisande,Markgräfin von Tripolis.

Jeder weiß, für diese DameSchwärmte jetzt der Troubadour;Er besang sie, und es wurdeIhm zu eng im Schlosse Blaye.

Und es trieb ihn fort. Zu CetteSchiffte er sich ein, erkrankteAber auf dem Meer, und sterbendKam er an zu Tripolis.

Hier erblickt’ er MelisandenEndlich auch mit Leibesaugen,Die jedoch des Todes SchattenIn derselben Stunde deckten.

Seinen letzten LiebessangSingend, starb er zu den FüßenSeiner Dame Melisande,Markgräfin von Tripolis.

Wunderbare AehnlichkeitIn dem Schicksal beider Dichter!Nur daß jener erst im AlterSeine große Wallfahrt antrat.

Auch Jehuda ben HalevyStarb zu Füßen seiner Liebsten,Und sein sterbend Haupt, es ruhteAuf den Knien Jerusalems.

III.

Nach der Schlacht bei Arabella,Hat der große AlexanderLand und Leute des Darius,Hof und Harem, Pferde, Weiber,

Elephanten und Dariken,Kron’ und Scepter, goldnen Plunder,Eingesteckt in seine weitenMacedon’schen Pluderhosen.

In dem Zelt des großen Königs,Der entflohn, um nicht höchstselbstGleichfalls eingesteckt zu werden,Fand der junge Held ein Kästchen,

Eine kleine güldne Truhe,Mit MiniaturbildwerkenUnd mit incrustirten SteinenUnd Cameen reich geschmückt –

Dieses Kästchen, selbst ein KleinodUnschätzbaren Werthes, dienteZur Bewahrung von Kleinodien,Des Monarchen Leibjuwelen.

Letztre schenkte AlexanderAn die Tapfern seines Heeres,Darob lächelnd, daß sich MännerKindisch freun an bunten Steinchen.

Eine kostbar schönste GemmeSchickte er der lieben Mutter;War der Siegelring des Cyrus,Wurde jetzt zu einer Brosche.

Seinem alten WeltarschpaukerAristoteles, dem sandt’ erEinen Onix für sein großesNaturaliencabinet.

In dem Kästchen waren Perlen,Eine wunderbare Schnur,Die der Königin AtossaEinst geschenkt der falsche Smerdis –

Doch die Perlen waren echt –Und der heitre Sieger gab sieEiner schönen TänzerinAus Corinth, mit Namen Thais.

Diese trug sie in den Haaren,Die bacchantisch aufgelöst,In der Brandnacht, als sie tanzteZu Persepolis und frech

In die Königsburg geschleudertIhre Fackel, daß laut prasselndBald die Flammenlohe aufschlug,Wie ein Feuerwerk zum Feste.

Nach dem Tod der schönen Thais,Die an einer babylon’schenKrankheit starb zu Babylon,Wurden ihre Perlen dort

Auf dem Börsensaal vergantert.Sie erstand ein Pfaff aus Memphis,Der sie nach Aegypten brachte,Wo sie später auf dem Putztisch

Der Cleopatra erschienen,Die die schönste Perl’ zerstampftUnd mit Wein vermischt verschluckte,Um Antonius zu foppen.

Mit dem letzten OmayadenKam die Perlenschnur nach Spanien,Und sie schlängelte am TurbanDes Califen zu Corduva.

Abderam der Dritte trug sieAls Brustschleife beim Turnier,Wo er dreißig goldne RingeUnd das Herz Zuleima’s stach.

Nach dem Fall der MohrenherrschaftGingen zu den Christen überAuch die Perlen, und geriethenIn den Kronschatz von Castilien.

Die kathol’schen MajestätenSpan’scher Königinnen schmücktenSich damit bei Hoffestspielen,Stiergefechten, Prozessionen,

So wie auch Autodafés,Wo sie auf Balkonen sitzend,Sich erquickten am GerucheVon gebratnen alten Juden.

Späterhin gab Mendizabel,Satans-Enkel, diese PerlenIn Versatz, um der FinanzenDefizit damit zu decken.

An dem Hof der TuilerienKam die Schnur zuletzt zum Vorschein,Und sie schimmerte am HalseDer Baronin Salomon.

So erging’s den schönen Perlen.Minder abenteuerlichGing’s dem Kästchen, dies behieltAlexander für sich selber.

Er verschloß darin die LiederDes ambrosischen Homeros,Seines Lieblings, und zu HäuptenSeines Bettes in der Nacht

Stand das Kästchen – schlief der König,Stiegen draus hervor der HeldenLichte Bilder, und sie schlichenGaukelnd sich in seine Träume.

Andre Zeiten, andre Vögel –Ich, ich liebte weiland gleichfallsDie Gesänge von den ThatenDes Peliden, des Odysseus.

Damals war so sonnengoldigUnd so purpurn mir zu Muthe,Meine Stirn’ umkränzte Weinlaub,Und es tönten die Fanfaren –

Still davon – gebrochen liegtJetzt mein stolzer Siegeswagen,Und die Panther, die ihn zogen,Sind verreckt, so wie die Weiber,

Die mit Pauk’ und ZimbelklängenMich umtanzten, und ich selbstWälze mich am Boden elend,Krüppelelend – still davon –

Still davon – es ist die RedeVon dem Kästchen des Darius,Und ich dacht’ in meinem Sinne:Käm’ ich in Besitz des Kästchens,

Und mich zwänge nicht Finanznoth,Gleich dasselbe zu versilbern,So verschlösse ich darinDie Gedichte unsres Rabbi –

Des Jehuda ben HalevyFestgesänge, Klagelieder,Die Ghaselen, ReisebilderSeiner Wallfahrt – alles ließ ich

Von dem besten Zophar schreibenAuf der reinsten Pergamenthaut,Und ich legte diese HandschriftIn das kleine goldne Kästchen.

Dieses stellt’ ich auf den TischNeben meinem Bett, und kämenDann die Freunde und erstauntenOb der Pracht der kleinen Truhe,

Ob den seltnen BasrelièffenDie so winzig, doch vollendetSind zugleich und ob den großenIncrustirten Edelsteinen –

Lächelnd würd’ ich ihnen sagen:Das ist nur die rohe Schale,Die den bessren Schatz verschließet –Hier in diesem Kästchen liegen

Diamanten, deren LichterAbglanz, Wiederschein des Himmels,Herzblutglühende Rubinen,Fleckenlose Turkoasen,

Auch Smaragde der Verheißung,Perlen, reiner noch als jeneDie der Königin AtossaEinst geschenkt der falsche Smerdis,

Und die späterhin geschmücketAlle NotabilitätenDieser mondumkreisten Erde,Thais und Cleopatra,

Isispriester, Mohrenfürsten,Auch Hispaniens Königinnen.Und zuletzt die hochverehrteFrau Baronin Salomon –

Diese weltberühmten Perlen,Sie sind nur der bleiche SchleimEines armen Austerthiers,Das im Meergrund blöde kränkelt:

Doch die Perlen hier im KästchenSind entquollen einer schönenMenschenseele, die noch tiefer,Abgrundtiefer als das Weltmeer –

Denn es sind die ThränenperlenDes Jehuda ben Halevy,Die er ob dem UntergangVon Jerusalem geweinet –

Perlenthränen, die verbundenDurch des Reimes goldnen Faden,Aus der Dichtkunst güldnen SchmiedeAls ein Lied hervorgegangen.

Dieses PerlenthränenliedIst die vielberühmte Klage,Die gesungen wird in allenWeltzerstreuten Zelten Jakob’s

An dem neunten Tag des Monats,Der geheißen Ab, dem JahrstagVon Jerusalems ZerstörungDurch den Titus Vespasianus.

Ja, das ist das Zionslied,Das Jehuda ben HalevySterbend auf den heil’gen TrümmernVon Jerusalem gesungen –

Baarfuß und im BüßerkittelSaß er dorten auf dem BruchstückEiner umgestürzten Säule; –Bis zur Brust herunter fiel

Wie ein greiser Wald sein Haupthaar,Abenteuerlich beschattendDas bekümmert bleiche AntlitzMit den geisterhaften Augen –

Also saß er und er sang,Wie ein Seher aus der VorzeitAnzuschaun – dem Grab entstiegenSchien Jeremias, der Alte –

Das Gevögel der RuinenZähmte schier der wilde SchmerzlautDes Gesanges, und die GeierNahten horchend, fast mitleidig –

Doch ein frecher SarazeneKam desselben Wegs geritten,Hoch zu Roß, im Bug sich wiegendUnd die blanke Lanze schwingend –

In die Brust des armen SängersStieß er diesen Todesspeer,Und er jagte rasch von dannen,Wie ein Schattenbild beflügelt.

Ruhig floß das Blut des Rabbi,Ruhig seinen Sang zu EndeSang er, und sein sterbeletzterSeufzer war Jerusalem! – –

Eine alte Sage meldet,Jener Sarazene seiGar kein böser Mensch gewesen,Sondern ein verkappter Engel,

Der vom Himmel ward gesendet,Gottes Liebling zu entrückenDieser Erde, und zu fördernOhne Qual in’s Reich der Sel’gen.

Droben, heißt es, harrte seinerEin Empfang, der schmeichelhaftGanz besonders für den Dichter,Eine himmlische Sürprise.

Festlich kam das Chor der EngelIhm entgegen mit Musik,Und als Hymne grüßten ihnSeine eignen Verse, jenes

Synagogen-Hochzeitcarmen,Jene Sabbath-Hymenäen,Mit den jauchzend wohlbekanntenMelodieen – welche Töne!

Englein bliesen auf Hauboen,Englein spielten Violine,Andre strichen auch die BratscheOder schlugen Pauk’ und Zimbel.

Und das sang und klang so lieblich,Und so lieblich in den weitenHimmelsräumen wiederhallt es:Lecho Daudi Likras Kalle.

IV.

Meine Frau ist nicht zufriedenMit dem vorigen Capitel,Ganz besonders in BezugAuf das Kästchen des Darius.

Fast mit Bitterkeit bemerkt sie:Daß ein Ehemann, der wahrhaftReligiöse sei, das KästchenGleich zu Gelde machen würde,

Um damit für seine armeLegitime EhegattinEinen Kaschemir zu kaufen,Dessen sie so sehr bedürfe.

Der Jehuda ben Halevy,Meinte sie, der sei hinlänglichEhrenvoll bewahrt in einemSchönen Futteral von Pappe

Mit chinesisch elegantenArabesken, wie die hübschenBombonnièren von MarquisIm Passage Panorama.

Sonderbar! – setzt sie hinzu –Daß ich niemals nennen hörteDiesen großen Dichternamen,Den Jehuda ben Halevy.

Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,Solche holde Ignoranz,Sie bekundet die LakunenDer französischen Erziehung,

Der Pariser Pensionate,Wo die Mädchen, diese künft’genMütter eines freien Volkes,Ihren Unterricht genießen –

Alte Mumien, ausgestopftePharaonen von Aegypten,Merovinger Schattenkön’ge,Ungepuderte Perücken,

Auch die Zopfmonarchen Chinas,Porzellanpagodenkaiser –Alle lernen sie auswendig,Kluge Mädchen, aber Himmel –

Fragt man sie nach großen NamenAus dem großen GoldzeitalterDer arabisch-althispanischJüdischen Poetenschule,

Fragt man nach dem Dreigestirn,Nach Jehuda ben Halevy,Nach dem Salomon GabirolUnd dem Moses Iben Esra –

Fragt man nach dergleichen Namen,Dann mit großen Augen schaunUns die Kleinen an – alsdannStehn am Berge die Ochsinnen.

Rathen möcht’ ich dir, Geliebte,Nachzuholen das VersäumteUnd hebräisch zu erlernen –Laß Theater und Conzerte,

Widme ein’ge Jahre solchemStudium, du kannst alsdannIm Originale lesenIben Esra und Gabirol

Und versteht sich den Halevy,Das Triumvirat der Dichtkunst,Das dem Saitenspiel DavidisEinst entlockt die schönsten Laute.

Alcharisi – der, ich wette,Dir nicht minder unbekannt ist,Ob er gleich, französ’scher Witzbold,Den Hariri überwitzelt

Im Gebiete der Makame,Und ein Voltairianer warSchon sechs hundert Jahr vor Voltair’ –Jener Alcharisi sagte:

„Durch Gedanken glänzt GabirolUnd gefällt zumeist dem Denker,Iben Esra glänzt durch KunstUnd behagt weit mehr dem Künstler –

„Aber Beider EigenschaftenHat Jehuda ben Halevy,Und er ist ein großer DichterUnd ein Liebling aller Menschen.“

Iben Esra war ein FreundUnd ich glaube auch ein VetterDes Jehuda ben Halevy,Der in seinem Wanderbuche

Schmerzlich klagt, wie er vergebensIn Granada aufgesucht hatSeinen Freund, und nur den BruderDorten fand, den Medicus,

Rabbi Meyer, auch ein DichterUnd der Vater jener Schönen,Die mit hoffnungsloser FlammeIben Esra’s Herz entzunden –

Um das Mühmchen zu vergessen,Griff er nach dem Wanderstabe,Wie so mancher der Collegen;Lebte unstät, heimathlos.

Pilgernd nach Jerusalem,Ueberfielen ihn Tartaren,Die an einen Gaul gebundenIhn nach ihren Steppen schleppten.

Mußte Dienste dort verrichten,Die nicht würdig eines RabbiUnd noch wen’ger eines Dichters,Mußte nämlich Kühe melken.

Einstens, als er unterm BaucheEiner Kuh gekauert saß,Ihre Euter hastig fingernd,Daß die Milch floß in den Zuber –

Eine Position, unwürdigEines Rabbi’s, eines Dichters –Da befiel ihn tiefe WehmuthUnd er fing zu singen an,

Und er sang so schön und lieblich,Daß der Chan, der Fürst der Horde,Der vorbei ging, ward gerühretUnd die Freiheit gab dem Sclaven.

Auch Geschenke gab er ihm,Einen Fuchspelz, eine langeSarazenenmandolineUnd das Zehrgeld für die Heimkehr.

Dichterschicksal! böser Unstern,Der die Söhne des ApolloTödtlich nergelt, und sogarIhren Vater nicht verschont hat,

Als er hinter Daphnen laufendStatt des weißen NymphenleibesNur den Lorbeerbaum erfaßte,Er, der göttliche Schlemihl!

Ja, der hohe Delphier istEin Schlemihl, und gar der Lorbeer,Der so stolz die Stirne krönet,Ist ein Zeichen des Schlemihlthums.

Was das Wort Schlemihl bedeutet,Wissen wir. Hat doch ChamissoIhm das Bürgerrecht in DeutschlandLängst verschafft, dem Worte nämlich.

Aber unbekannt geblieben,Wie des heil’gen Niles Quellen,Ist sein Ursprung; hab’ darüberNachgegrübelt manche Nacht.

Zu Berlin vor vielen JahrenWandt’ ich mich deshalb an unsernFreund Chamisso, suchte AuskunftBeim Dekane der Schlemihle.

Doch er konnt’ mich nicht befried’genUnd verwies mich drob an Hitzig,Der ihm den FamiliennamenSeines schattenlosen Peters

Einst verrathen. Alsbald nahm ichEine Droschke und ich rollteZu dem Criminalrath Hitzig,Welcher eh’mals Itzig hieß –

Als er noch ein Itzig war,Träumte ihm, er säh’ geschriebenAn dem Himmel seinen NamenUnd davor den Buchstab H.

„Was bedeutet dieses H?“Frug er sich – „etwa Herr ItzigOder Heil’ger Itzig? Heil’gerIst ein schöner Titel – aber

„In Berlin nicht passend“ – EndlichGrübelnsmüd nannt’ er sich Hitzig,Und nur die Getreuen wußtenIn dem Hitzig steckt ein Heil’ger.

Heil’ger Hitzig! sprach ich also,Als ich zu ihm kam, Sie sollenMir die EtymologieVon dem Wort Schlemihl erklären.

Viel Umschweife nahm der Heil’ge,Konnte sich nicht recht erinnern,Eine Ausflucht nach der andern,Immer christlich – Bis mir endlich,

Endlich alle Knöpfe rissenAn der Hose der Geduld,Und ich anfing so zu fluchen,So gottlästerlich zu fluchen,

Daß der fromme Pietist,Leichenblaß und beineschlotternd,Unverzüglich mir willfahrteUnd mir Folgendes erzählte:

„In der Bibel ist zu lesen,Als zur Zeit der WüstenwandrungIsrael sich oft erlustigtMit den Töchtern Kanaans,

„Da geschah es, daß der PinhasSahe wie der edle SimriBuhlschaft trieb mit einem WeibsbildAus dem Stamm der Kananiter,

„Und alsbald ergriff er zornigSeinen Speer und hat den SimriAuf der Stelle todtgestochen –Also heißt es in der Bibel.

„Aber mündlich überliefertHat im Volke sich die Sage,Daß es nicht der Simri war,Den des Pinhas Speer getroffen,

„Sondern daß der Blinderzürnte,Statt des Sünders, unversehensEinen ganz Unschuld’gen traf,Den Schlemihl ben Zuri Schadday.“ –

Dieser nun, Schlemihl I,Ist der Ahnherr des GeschlechtesDerer von Schlemihl. Wir stammenVon Schlemihl ben Zuri Schadday.

Freilich keine HeldenthatenMeldet man von ihm, wir kennenNur den Namen und wir wissenDaß er ein Schlemihl gewesen.

Doch geschätzet wird ein StammbaumNicht ob seinen guten Früchten,Sondern nur ob seinem Alter –Drei Jahrtausend zählt der unsre!

Jahre kommen und vergehen –Drei Jahrtausende verflossen,Seit gestorben unser Ahnherr,Herr Schlemihl ben Zuri Schadday.

Längst ist auch der Pinhas todt –Doch sein Speer hat sich erhalten,Und wir hören ihn beständigUeber unsre Häupter schwirren.

Und die besten Herzen trifft er –Wie Jehuda ben Halevy,Traf er Moses Iben EsraUnd er traf auch den Gabirol –

Den Gabirol, diesen treuenGottgeweihten Minnesänger,Diese fromme NachtigallDeren Rose Gott gewesen –

Diese Nachtigall, die zärtlichIhre Liebeslieder sangIn der Dunkelheit der gothischMittelalterlichen Nacht!

Unerschrocken, unbekümmertOb den Fratzen und Gespenstern,Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn,Die gespukt in jener Nacht –

Sie, die Nachtigall, sie dachteNur an ihren göttlich Liebsten,Dem sie ihre Liebe schluchzte,Den ihr Lobgesang verherrlicht! –

Dreißig Lenze sah GabirolHier auf Erden, aber FamaAusposaunte seines NamensHerrlichkeit durch alle Lande.

Zu Corduba, wo er wohnte,War ein Mohr sein nächster Nachbar,Welcher gleichfalls Verse machteUnd des Dichters Ruhm beneidet’.

Hörte er den Dichter singen,Schwoll dem Mohren gleich die GalleUnd der Lieder Süße wurdeBittre Wermuth für den Neidhart.

Er verlockte den VerhaßtenNächtlich in sein Haus, erschlug ihnDorten und vergrub den LeichnamHinterm Hause in dem Garten.

Aber siehe! aus dem Boden,Wo die Leiche eingescharrt war,Wuchs hervor ein FeigenbaumVon der wunderbarsten Schönheit.

Seine Frucht war seltsam länglichUnd von seltsam würz’ger Süße;Wer davon genoß, versankIn ein träumerisch Entzücken.

In dem Volke ging darüberViel Gerede und Gemunkel,Das am End zu den erlauchtenOhren des Chalifen kam.

Dieser prüfte eigenzüngigJenes Feigenphänomen,Und ernannte eine strengeUntersuchungscommission.

Man verfuhr summarisch. SechzigBambushiebe auf die SohlenGab man gleich dem Herrn des Baumes,Welcher eingestand die Unthat.

Darauf riß man auch den BaumMit den Wurzeln aus dem Boden,Und zum Vorschein kam die LeicheDes erschlagenen Gabirol.

Diese ward mit Pomp bestattetUnd betrauert von den Brüdern;An demselben Tage henkteMan den Mohren zu Corduba.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Drittes Buch: Hebräische Melodien. Seite 213–260, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Jehuda ben Halevy“, Fassung 1.334.668 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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