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Versbuch

Vitzliputzli

Heinrich Heine · 17971856

527 Zeilen in 134 Strophen · zuerst gedruckt 1851

I.

Auf dem Haupt trug er den Lorbeer,Und an seinen Stiefeln glänztenGoldne Sporen – dennoch war erNicht ein Held und auch kein Ritter.

Nur ein Räuberhauptmann war er,Der in’s Buch des Ruhmes einschrieb,Mit der eignen frechen Faust,Seinen frechen Namen: Cortez.

Unter des Kolumbus NamenSchrieb er ihn, ja dicht darunter,Und der Schulbub auf der SchulbankLernt’ auswendig beide Namen –

Nach dem Christoval Kolumbus,Nennt er jetzt Fernando CortezAls den zweiten großen MannIn dem Pantheon der Neuwelt.

Heldenschicksals letzte Tücke:Unser Name wird verkoppeltMit dem Namen eines SchächersIn der Menschen Angedenken.

Wär’s nicht besser, ganz verhallenUnbekannt, als mit sich schleppenDurch die langen EwigkeitenSolche Namenskameradschaft?

Messer Christoval KolumbusWar ein Held, und sein Gemüthe,Das so lauter wie die Sonne,War freigebig auch wie diese.

Mancher hat schon viel gegeben,Aber Jener hat der WeltEine ganze Welt geschenket,Und sie heißt Amerika.

Nicht befreien konnt’ er unsAus dem öden Erdenkerker,Doch er wußt’ ihn zu erweiternUnd die Kette zu verlängern.

Dankbar huldigt ihm die Menschheit,Die nicht blos Europamüde,Sondern Afrikas und AsiensEndlich gleichfalls müde worden – –

Einer nur, ein einz’ger Held,Gab uns mehr und gab uns BessresAls Kolumbus, das ist Jener,Der uns einen Gott gegeben.

Sein Herr Vater, der hieß Amram,Seine Mutter hieß Jochebeth,Und er selber, Moses heißt er,Und er ist mein bester Heros.

Doch, mein Pegasus, du weilestViel zu lang bei dem Kolumbus –Wisse, unser heut’ger FlugrittGilt dem g’ringern Mann, dem Cortez.

Breite aus den bunten Fittig,Flügelroß! und trage michNach der Neuwelt schönem Lande,Welches Mexiko geheißen.

Trage mich nach jener Burg,Die der König MontezumaGastlich seinen span’schen GästenAngewiesen zur Behausung.

Doch nicht Obdach blos und Atzung,In verschwenderischer Fülle,Gab der Fürst den fremden Strolchen –Auch Geschenke reich und prächtig,

Kostbarkeiten kluggedrechselt,Von massivem Gold, Juwelen,Zeugten glänzend von der HuldUnd der Großmuth des Monarchen.

Dieser unzivilisirte,Abergläubisch blinde HeideGlaubte noch an Treu’ und EhreUnd an Heiligkeit des Gastrechts.

Er willfahrte dem Gesuche,Beizuwohnen einem Feste,Das in ihrer Burg die SpanierIhm zu Ehren geben wollten –

Und mit seinem Hofgesinde,Arglos, huldreich, kam der KönigIn das spanische Quartier,Wo Fanfaren ihn begrüßten.

Wie das Festspiel war betitelt,Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht:„Span’sche Treue!“ doch der AutorNannt’ sich Don Fernando Cortez.

Dieser gab das Stichwort – plötzlichWard der König überfallen,Und man band ihn und behielt ihnIn der Burg als eine Geisel.

Aber Montezuma starb,Und da war der Damm gebrochen,Der die kecken AbenteurerSchützte vor dem Zorn des Volkes.

Schrecklich jetzt begann die Brandung –Wie ein wild empörtes MeerTos’ten, ras’ten immer näherDie erzürnten Menschenwellen.

Tapfer schlugen zwar die SpanierJeden Sturm zurück. Doch täglichWard berennt die Burg auf’s neue,Und ermüdend war das Kampfspiel.

Nach dem Tod des Königs stockteAuch der Lebensmittel Zufuhr;Kürzer wurden die Razionen,Die Gesichter wurden länger.

Und mit langen AngesichternSah’n sich an Hispaniens Söhne,Und sie seufzten und sie dachtenAn die traute Christenheimath,

An das theure Vaterland,Wo die frommen Glocken läuten,Und am Herde friedlich brodeltEine Ollea-Potrida,

Dick verschmoret mit Garbanzos,Unter welchen, schalkhaft duftend,Auch wohl kichernd, sich verbergenDie geliebten Knoblauchwürstchen.

Einen Kriegsrath hielt der Feldherr,Und der Rückzug ward beschlossen;In der nächsten TagesfrüheSoll das Heer die Stadt verlassen.

Leicht gelang’s hineinzukommenEinst durch List dem klugen Cortez,Doch die Rückkehr nach dem FestlandBot fatale Schwierigkeiten.

Mexiko, die Inselstadt,Liegt in einem großen See,In der Mitte, fluthumrauscht:Eine stolze Wasserfestung,

Mit dem Uferland verkehrendNur durch Schiffe, Flöße, Brücken,Die auf Riesenpfählen ruhen;Kleine Inseln bilden Furthen.

Noch bevor die Sonne aufgingSetzten sich in Marsch die Spanier;Keine Trommel ward gerühret,Kein Trompeter blies Reveille.

Wollten ihre Wirthe nichtAus dem süßen Schlafe wecken –(Hunderttausend IndianerLagerten in Mexiko).

Doch der Spanier machte diesmalOhne seinen Wirth die Rechnung;Noch frühzeit’ger aufgestandenWaren heut’ die Mexikaner.

Auf den Brücken, auf den Flößen,Auf den Furthen harrten sie,Um den Abschiedstrunk alldortenIhren Gästen zu kredenzen.

Auf den Brücken, Flößen, Furthen,Hei! da gab’s ein toll Gelage!Roth in Strömen floß das BlutUnd die kecken Zecher rangen –

Rangen Leib an Leib gepreßt,Und wir sehn auf mancher nacktenIndianerbrust den AbdruckSpan’scher Rüstungsarabesken.

Ein Erdrosseln war’s, ein Würgen,Ein Gemetzel, das sich langsam,Schaurig langsam, weiter wälzte,Ueber Brücken, Flöße, Furthen.

Die Indianer sangen, brüllten,Doch die Spanier fochten schweigend;Mußten Schritt für Schritt erobernEinen Boden für die Flucht.

In gedrängten Engpaß-KämpfenBoten g’ringen Vortheil heuteAlt-Europas strenge Kriegskunst,Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.

Viele Spanier waren gleichfallsSchwer bepackt mit jenem Golde,Das sie jüngst erpreßt, erbeutet –Ach, die gelbe Sündenlast

Lähmte, hemmte sie im Kampfe,Und das teuflische MetallWard nicht blos der armen Seele,Sondern auch dem Leib verderblich.

Mittlerweile ward der SeeGanz bedeckt von Kähnen, Barken;Schützen saßen d’rin und schossenNach den Brücken, Flößen, Furthen.

Trafen freilich im GetümmelViele ihrer eignen Brüder,Doch sie trafen auch gar manchenHochvortrefflichen Hidalgo.

Auf der dritten Brücke fielJunker Gaston, der an jenemTag’ die Fahne trug, woraufConterfeit die heil’ge Jungfrau.

Dieses Bildniß selber trafenDie Geschosse der Indianer;Sechs Geschosse blieben steckenJust im Herzen – blanke Pfeile,

Aehnlich jenen güldnen Schwertern,Die der Mater dolorosaSchmerzenreiche Brust durchbohrenBei Charfreitagsprozessionen.

Sterbend übergab Don GastonSeine Fahne dem Gonzalvo,Der zu Tod getroffen gleichfallsBald dahin sank. – Jetzt ergriff

Cortez selbst das theure Banner,Er, der Feldherr, und er trug esHoch zu Roß bis gegen Abend,Wo die Schlacht ein Ende nahm.

Hundert sechzig Spanier fandenIhren Tod an jenem Tage;Ueber achtzig fielen lebendIn die Hände der Indianer.

Schwer verwundet wurden Viele,Die erst später unterlagen.Schier ein Dutzend Pferde wurdeTheils getödtet, theils erbeutet.

Gegen Abend erst erreichtenCortez und sein Heer das sich’reUferland, ein Seegestade,Karg bepflanzt mit Trauerweiden.

II.

Nach des Kampfes Schreckenstag,Kommt die Spuknacht des Triumphes;Hundert tausend FreudenlampenLodern auf in Mexiko.

Hundert tausend Freudenlampen,Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer,Werfen grell ihr TageslichtAuf Paläste, Götterhallen,

Gildenhäuser und zumalAuf den Tempel Vitzliputzli’s,Götzenburg von rothem Backstein,Seltsam mahnend an ägyptisch,

Babylonisch und assyrischKolossalen Bauwerk-Monstren,Die wir schauen auf den BildernUnsers Briten Henri Martin.

Ja, das sind dieselben breitenRampentreppen, also breit,Daß dort auf und nieder wallenViele tausend Mexikaner,

Während auf den Stufen lagernRottenweis die wilden Krieger,Welche lustig banketiren,Hochberauscht von Sieg und Palmwein.

Diese Rampentreppen leitenWie ein Zickzack, nach der Plattform,Einem balustradenart’genUngeheuern Tempeldach.

Dort auf seinem Thron-AltarSitzt der große Vitzliputzli,Mexikos blutdürst’ger Kriegsgott.Ist ein böses Ungethüm,

Doch sein Aeußres ist so putzig,So verschnörkelt und so kindisch,Daß er trotz des innern GrausensDennoch unsre Lachlust kitzelt –

Und bei seinem Anblick denkenWir zu gleicher Zeit etwaAn den blassen Tod von BaselUnd an Brüssels Mannke-Piß.

An des Gottes Seite stehenRechts die Laien, links die Pfaffen;Im Ornat von bunten FedernSpreizt sich heut’ die Klerisey.

Auf des Altars MarmorstufenHockt ein hundertjährig Männlein,Ohne Haar an Kinn und Schädel;Trägt ein scharlach Kamisölchen.

Dieses ist der Opfer-Priester,Und er wetzet seine Messer,Wetzt sie lächelnd, und er schieletManchmal nach dem Gott hinauf.

Vitzliputzli scheint den BlickSeines Dieners zu verstehen,Zwinkert mit den AugenwimpernUnd bewegt sogar die Lippen.

Auf des Altars Stufen kauernAuch die Tempel-Musici,Paukenschläger, Kuhhornbläser –Ein Gerassel und Getute –

Ein Gerassel und Getute,Und es stimmet ein des ChoresMexikanisches Te-Deum –Ein Miaulen wie von Katzen –

Ein Miaulen wie von Katzen,Doch von jener großen Sorte,Welche Tigerkatzen heißenUnd statt Mäuse Menschen fressen!

Wenn der Nachtwind diese TöneHinwirft nach dem Seegestade,Wird den Spaniern, die dort lagern,Katzenjämmerlich zu Muthe.

Traurig unter Trauerweiden,Stehen diese dort noch immer,Und sie starren nach der Stadt,Die im dunkeln Seegewässer

Wiederspiegelt, schier verhöhnend,Alle Flammen ihrer Freude –Stehen dort wie im ParterreEines großen Schauspielhauses,

Und des Vitzliputzli-TempelsHelle Plattform ist die Bühne,Wo zur Siegesfeier jetztEin Mysterium tragirt wird.

„Menschenopfer“ heißt das Stück.Uralt ist der Stoff, die Fabel;In der christlichen BehandlungIst das Schauspiel nicht so gräßlich.

Denn dem Blute wurde Rothwein,Und dem Leichnam, welcher vorkam,Wurde eine harmlos dünneMehlbreispeis transsubstituiret –

Diesmal aber, bei den Wilden,War der Spaß sehr roh und ernsthaftAufgefaßt: Man speis’te FleischUnd das Blut war Menschenblut.

Diesmal war es gar das VollblutVon Altchristen, das sich nie,Nie vermischt hat mit dem BluteDer Moresken und der Juden.

Freu’ dich, Vitzliputzli, freu’ dich,Heute giebt es Spanier-Blut,Und am warmen Dufte wirst duGierig laben deine Nase.

Heute werden dir geschlachtetAchtzig Spanier, stolze BratenFür die Tafel deiner Priester,Die sich an dem Fleisch erquicken.

Denn der Priester ist ein Mensch,Und der Mensch, der arme Fresser,Kann nicht blos vom Riechen lebenUnd vom Dufte, wie die Götter.

Horch! die Todespauke dröhnt schon,Und es kreischt das böse Kuhhorn!Sie verkünden, daß heraufsteigtJetzt der Zug der Sterbemänner.

Achtzig Spanier, schmählich nackend,Ihre Hände auf dem RückenFestgebunden, schleppt und schleift manHoch hinauf die Tempeltreppe.

Vor dem Vitzliputzli-BildeZwingt man sie das Knie zu beugenUnd zu tanzen Possentänze,Und man zwingt sie durch Torturen,

Die so grausam und entsetzlich,Daß der Angstschrei der GequältenUeberheulet das gesammteKannibalen-Charivari. –

Armes Publikum am See!Cortez und die KriegsgefährtenSie vernahmen und erkanntenIhrer Freunde Angstrufstimmen –

Auf der Bühne, grellbeleuchtet,Sahen sie auch ganz genauDie Gestalten und die Mienen –Sah’n das Messer, sah’n das Blut –

Und sie nahmen ab die HelmeVon den Häuptern, knieten nieder,Stimmten an den Psalm der TodtenUnd sie sangen: De profundis!

Unter Jenen, welche starben,War auch Raimond de Mendoza,Sohn der schönen Abbatissin,Cortez’ erste Jugendliebe.

Als er auf der Brust des JünglingsJenes Medaillon gewahrte,Das der Mutter Bildniß einschloß,Weinte Cortez helle Thränen –

Doch er wischt sie ab vom AugeMit dem harten Büffelhandschuh,Seufzte tief und sang im ChoreMit den Andern: miserere!

III.

Blasser schimmern schon die Sterne,Und die Morgennebel steigenAus der Seefluth, wie Gespenster,Mit hinschleppend weißen Laken.

Fest’ und Lichter sind erloschenAuf dem Dach des Götzentempels,Wo am blutgetränkten EstrichSchnarchend liegen Pfaff und Laie.

Nur die rothe Jacke wacht.Bei dem Schein der letzten Lampe,Süßlich grinsend, grimmig schäkernd,Spricht der Priester zu dem Gotte:

„Vitzliputzli, Putzlivitzli,Liebstes Göttchen Vitzliputzli!Hast dich heute amüsiret,Hast gerochen Wohlgerüche!

„Heute gab es Spanierblut –O das dampfte so app’titlich,Und dein feines LeckernäschenSog den Duft ein, wollustglänzend.

„Morgen opfern wir die Pferde,Wiehernd edle Ungethüme,Die des Windes Geister zeugten,Buhlschaft treibend mit der Seekuh.

„Willst du artig sein, so schlacht’ ichDir auch meine beiden Enkel,Hübsche Bübchen, süßes Blut,Meines Alters einz’ge Freude.

„Aber artig mußt du sein,Mußt uns neue Siege schenken –Laß uns siegen, liebes Göttchen,Putzlivitzli, Vitzliputzli!

„O verderbe unsre Feinde,Diese Fremden, die aus fernenUnd noch unentdeckten LändernZu uns kamen über’s Weltmeer –

„Warum ließen sie die Heimath?Trieb sie Hunger oder Blutschuld?Bleib’ im Land und nähr’ dich redlich,Ist ein sinnig altes Sprüchwort.

„Was ist ihr Begehr? Sie steckenUnser Gold in ihre Taschen,Und sie wollen, daß wir drobenEinst im Himmel glücklich werden!

„Anfangs glaubten wir, sie wärenWesen von der höchsten Gattung,Sonnensöhne, die unsterblichUnd bewehrt mit Blitz und Donner.

„Aber Menschen sind sie, tödtbarWie wir Andre, und mein MesserHat erprobet heute NachtIhre Menschensterblichkeit.

„Menschen sind sie und nicht schöner,Als wir Andre, manche drunterSind so häßlich wie die Affen;Wie bei diesen sind behaart

„Die Gesichter, und es heißtManche trügen in den HosenAuch verborg’ne Affenschwänze –Wer kein Aff’, braucht keine Hosen.

„Auch moralisch häßlich sind sie,Wissen nichts von Pietät,Und es heißt, daß sie sogarIhre eignen Götter fräßen!

„O vertilge diese ruchlosBöse Brut, die Götterfresser –Vitzliputzli, Putzlivitzli,Laß uns siegen Vitzliputzli!“ –

Also sprach zum Gott der Priester,Und des Gottes Antwort töntSeufzend, röchelnd, wie der Nachtwind,Welcher koset mit dem Seeschilf:

Rothjack’, Rothjack’, blut’ger Schlächter,Hast geschlachtet viele Tausend,Bohre jetzt das OpfermesserIn den eignen alten Leib.

Aus dem aufgeschlitzten LeibSchlüpft alsdann hervor die Seele;Ueber Kiesel, über WurzelTrippelt sie zum Laubfroschteiche.

Dorten hocket meine MuhmeRattenkön’gin – sie wird sagen:„Guten Morgen, nackte Seele,Wie ergeht es meinem Neffen?

„Vitzliputzelt er vergnügtIn dem honigsüßen Goldlicht?Wedelt ihm das Glück die FliegenUnd die Sorgen von der Stirne?

„Oder kratzt ihn Katzlagara,Die verhaßte UnheilsgöttinMit den schwarzen Eisenpfoten,Die in Otterngift getränket?“

Nackte Seele, gieb zur Antwort:Vitzliputzli läßt dich grüßen,Und er wünscht dir PestilenzIn den Bauch, Vermaledeite!

Denn du riethest ihm zum Kriege,Und dein Rath, es war ein Abgrund –In Erfüllung geht die böse,Uralt böse Prophezeiung

Von des Reiches UntergangDurch die furchtbar bärt’gen Männer,Die auf hölzernem GevögelHergeflogen aus dem Osten.

Auch ein altes Sprüchwort giebt es:Weiberwille, Gotteswille –Doppelt ist der Gotteswille,Wenn das Weib die Mutter Gottes:

Diese ist es, die mir zürnet,Sie, die stolze Himmelsfürstin,Eine Jungfrau sonder Makel,Zauberkundig, wunderthätig.

Sie beschützt das Spaniervolk,Und wir müssen untergehen,Ich, der ärmste aller Götter,Und mein armes Mexiko.

Nach vollbrachtem Auftrag, Rothjack’,Krieche deine nackte SeeleIn ein Sandloch – Schlafe wohl!Daß du nicht mein Unglück schauest!

Dieser Tempel stürzt zusammen,Und ich selber, ich versinkeIn dem Qualm – nur Rauch und Trümmer –Keiner wird mich wiedersehen.

Doch ich sterbe nicht; wir GötterWerden alt wie Papageien,Und wir mausern nur und wechselnAuch wie diese das Gefieder.

Nach der Heimath meiner Feinde,Die Europa ist geheißen,Will ich flüchten, dort beginn ichEine neue Carrière.

Ich verteufle mich, der GottWird jetzund ein Gott-sei-bei-uns;Als der Feinde böser Feind,Kann ich dorten wirken, schaffen.

Quälen will ich dort die Feinde,Mit Phantomen sie erschrecken –Vorgeschmack der Hölle, SchwefelSollen sie beständig riechen.

Ihre Weisen, ihre NarrenWill ich ködern und verlocken;Ihre Tugend will ich kitzeln,Bis sie lacht wie eine Metze.

Ja, ein Teufel will ich werden,Und als Kameraden grüß’ ichSatanas und Belial,Astaroth und Belzebub.

Dich zumal begrüß’ ich, Lilis,Sündenmutter, glatte Schlange!Lehr’ mich deine GrausamkeitenUnd die schöne Kunst der Lüge!

Mein geliebtes Mexiko,Nimmermehr kann ich es retten,Aber rächen will ich furchtbarMein geliebtes Mexiko.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Erstes Buch: Historien. Seite 89-115, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vitzliputzli“, Fassung 1.068.579 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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