Seegespenst
Heinrich Heine · 1797–1856
79 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Ich aber lag am Rande des Schiffes,Und schaute, träumenden Auges,Hinab in das spiegelklare Wasser,Und schaute tiefer und tiefer –Bis tief, im Meeresgrunde,Anfangs wie dämmernde Nebel,Jedoch allmählig farbenbestimmter,Kirchenkuppel und Thürme sich zeigtenUnd endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,Alterthümlich niederländisch,Und menschenbelebt.Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,Mit weißen Halskrausen und EhrenkettenUnd langen Degen und langen Gesichtern,Schreiten über den wimmelnden MarktplatzNach dem treppenhohen Rathhaus’,Wo steinerne KaiserbilderWacht halten mit Zepter und Schwerdt.Unferne, vor langen Häuser-Reih’nMit spiegelblanken Fenstern,Stehn pyramidisch beschnittene Linden,Und wandeln seidenrauschende Jungfrau’n,Ein gülden Band um den schlanken Leib,Die Blumengesichter sittsam umschlossenVon schwarzen, sammtnen Mützchen,Woraus die Lockenfülle hervordringt.Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,Stolziren vorüber und nicken.Bejahrte Frauen,In braunen, verschollnen Gewändern,Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,Eilen, trippelnden Schritts,Nach dem großen Dome,Getrieben von GlockengeläuteUnd rauschendem Orgelton.
Mich selbst ergreift des fernen KlangsGeheimnißvoller Schauer,Unendliches Sehnen, tiefe WehmuthBeschleicht mein Herz,Mein kaum geheiltes Herz;Mir ist als würden seine WundenVon lieben Lippen aufgeküßt,Und thäten wieder bluten,Heiße, rothe Tropfen,Die lang und langsam niederfall’nAuf ein altes Haus dort untenIn der tiefen Meerstadt,Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,Das melancholisch menschenleer ist,Nur daß am untern FensterEin Mädchen sitzt,Den Kopf auf den Arm gestützt,Wie ein armes, vergessenes Kind –Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind!
So tief, so tief alsoVerstecktest du dich vor mir,Aus kindischer Laune,Und konntest nicht mehr herauf,Und saßest fremd unter fremden Leuten,Fünfhundert Jahre lang,Derweilen ich, die Seele voll Gram,Auf der ganzen Erde dich suchte,Und immer dich suchte,Du Immergeliebte,Du Längstverlorene,Du Endlichgefundene, –Ich hab’ dich gefunden und schaue wiederDein süßes Gesicht,Die klugen, treuen Augen,Das liebe Lächeln –Und nimmer will ich dich wieder verlassen,Und ich komme hinab zu dir,Und mit ausgebreiteten ArmenStürz’ ich hinab an dein Herz –
Aber zur rechten Zeit nochErgriff mich beim Fuß der Capitän,Und zog mich vom Schiffsrand,Und rief, ärgerlich lachend:Doktor, sind Sie des Teufels?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 334–337, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Seegespenst“, Fassung 3.778.498 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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